1848 – Revolution, Goldrausch und Eisenbahnbau. Dazwischen: Der Massentourismus formt seine Grundlagen.

Ein Reisebericht von München über Füssen an die Wertach aus dem 19. Jahrhundert.

Für ganz Europa ist die Mitte des 19 Jahrhunderts eine Zeit der revolutionären Erhebungen gegen herrschende Mächte der Restauration und deren politischen und sozialen Strukturen. 1848, entzündet durch die französische Februarrevolution, greift die umwälzende Stimmung auf die Staaten des Deutschen Bundes, das Reich der Habsburger, Italien und sogar Brasilien über. Parallel dazu gewinnen 1848 die USA den Mexikanisch-Amerikanischen Krieg (1846 – 1848). Mit dem Vertrag von Guadalupe Hidalgo verliert Mexiko rund ein Drittel seines Staatsgebiets (Kalifornien, New Mexico, Arizona, Nevada, Utah sowie Teile von Colorado, Wyoming und Kansas) an die USA. Die wirtschaftlichen Folgen bleiben nicht aus. Denn im Januar 1848 entdeckte James Marshall das erste Goldnugget in dem bald darauf „goldenen“ nun amerikanischen Kalifornien. Das erste Goldnugget fand sich im American River, einem Nebenfluss des Sacramento. Es war auf dem Bauplatz für ein Sägewerk auf der Ranch Neu-Helvetien des Schweizers Johann August Sutter. Alle Anweisungen des Schweizers, den Fund geheim zu halten, gingen schief. Und damit begann der Amerikanische Goldrausch an einem Fluß. Eine andere Volkserhebung mit folgen. Im Deutschen Bund beginnt mit der Märzrevolution von 1848 eine Umwälzung der Verhältnisse. Langfristig prägen die Revolutionen von 1848/49 die politische Kultur und das pluralistische Demokratieverständnis der meisten Staaten Mitteleuropas. 1848 erscheint auch zum ersten mal die von Karl Marx in Köln gegründete Neue Rheinische Zeitung. Im Herbst 1848 verkehrt auf der Strecke Barcelona–Mataró in Spanien die erste Eisenbahn auf der iberischen Halbinsel. Für das Deutsche Reich wird im 19. Jahrhundert der schnelle Ausbau der „Technolgie“ Eisenbahn zum entscheidenden Faktor in der Aufholjagd um wirtschaftlichen Erfolg. Mit dem Ausbau des Eisenbahn Netzes wird zu dessen Finanzierung der Aktienmarkt gegründet. Dadurch wird indirekt die Mittelschicht an der Technisierung der Landschaft profitabel beteiligt und ein möglicher Widerstand im Keim unterdrückt. Der Ausbau der Eisenbahn wird die Wahrnehmung von Mobilität fundamental verändern. Das ständige Auf und Ab des langsamen natürlichen Ganges weicht einer schnurgeraden, schnellen Fortbewegung die neue Erwartungen einer zunehmenden Massenbewegung setzt. War der Mensch trotz aller Errungenschaften im 18. Jahrhundert noch in einem Biotop, wird sein Lebensraum im 19. Jahrhundert zu einem Technotop. Demokratie Verständnis, wirtschaftliches Wachstum und Selbstwahrnehmung werden in diesem Technotop neu definiert. Die Natur wird erobert, zerstört und gleichzeitig geistig höhergestellt und romantisiert. Damit steht der große Fahrplan bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts fest.

Schloss Hohenschwangau am Alpsee (bei Füssen) aus: Von München nach Hohenschwangau (Reutti), Füssen bis zur Wertach, Beschreibung von Thomas Hartwig, 1842

Zwischen Goldrausch, Demokratie Bewegung und Arbeiterrechten macht die neue „technische“ Mobilität den Tourismus auch breiten Bevölkerungsschichten zugänglich. Der schnell wachsende „entfremdete“ Städter entdeckt die Natur nach neuen Maßstäben. Reiseführer werden zur begehrten und viel gelesener Literatur. In unseren Recherchen stolpern wir fast ungewollt über diese „Büchlein“. Innerhalb unseres Projektes zur Naturwahrnehmung von historischen Flusslandschaften werden wir einige Episoden hier veröffentlichen. Wir wollen auch damit Zeitgeschmack zum Verstehen näher bringen. Sie können sich die Text Fragmente bald auch als pdf herunterladen, in ihr digitales Handgepäck „laden“ oder auch ausdrucken und in die Hosentasche stecken. Reisen sie damit ihren „kulturellen“ Spuren im 21. Jahrhundert nach. Vieles gibt es heute noch zu sehen, vor allem wenn es sich um Kultur außerhalb der großen von zwei Weltkriegen bedrohten Städten handelt. Vieles ist „draußen auf dem Land“ verschwunden, vor allem wenn es sich um so etwas wie Natur handelt. Natur ist nicht alles was grün ist. Der moderne Mensch ist häufig farbenblind. Maße und Zeiten haben sich verändert. Das wird ihnen beim Lesen gleich auffallen (siehe auch den Artikel Wie groß ist der Starnberger See). Deshalb: Nehmen sie sich „ihre“ Zeit, denn die gibt es vielleicht kaum noch. Reisen sie zu Fuß oder mit dem Rad, und zurück mit dem Zug, umweltverträglich, und besser für sie ganz persönlich, ihr körperliches und geistiges wohl. Damit sind sie schon ganz nahe an dem Geschehen, und dem Grund, warum sie sich überhaupt auf den Weg machen sollten. Viel Spaß dabei, hier der erste historische „Trip Advisor“:

Von München nach Hohenschwangau (Reutti), Füssen bis zur Wertach
Beschreibung von Thomas Hartwig in:
Handbuch für Reisende durch Südbayern, Tyrol, Vorarlberg, Salzburg und das Salzkammergut.
Nebst Rundreise um den Bodensee und Reiserouten nach Mailand und Venedig.


München, 1842.


Joseph Lindauer’sche Buchhandlung.


Von München über Sendling nach Starnberg. – Der Starnbergersee
und seine Umgebungen. – Der Ammer-, Pilsen – und Wörthsee. –
Besuch derselben von Starnberg aus, und von München unter Benutz-
ung der Eisenbahn. – Der Hirschberg. – Pähl und Hochschloss
Oberpähl. – Weilheim. – Steingaden. – Hohenschwangau und Um-
gebung. – Reutti in Tyrol. – Füssen. – Nesselwang.

Plan von der bereits schnell wachsenden, hoheitlichen Residenz-Stadt München, 1842. Eine halbe Stunde von München, im Dorf Untersendling beginnt unsere Reise an die Wertach.

Eine halbe Stunde von München am Ende des Dorfes Un-
tersendling, an dessen an der Strasse gelegenen Kirche
Lindenschmitt’s grosses Frescogemälde: den Kampf der
bayerischen Landleute und Gebirgsbewohner gegen die un-
garische Reiterei im Jahre 1705 vorstellend und als Haupt-
vorwurf den Untergang des riesigen Schmiedes Balthasar Mayr
von Kochel und seiner beiden Söhne Lorenz und Paul habend,
sehenswerth ist, theilt sich die grosse nach Tyrol führende
Landstrasse. Gerade aus nach Wolfrathshausen sich
ziehend, bringt der rechts ab in eine schattige Allee einschla-
gende Weg den Reisenden, in geringer Entfernung von dem
rechts von der Strasse gelegenen königlichen Jagdschlosse
Fürstenried vorüber, hinter dem Dorfe Forstenried
(2 Stunden von München) durch einen zwei Stunden langen
Jagdpark, den die alte von Augsburg nach Salzburg führende
Römerstrasse durchschneidet, meistens von den hier gehegten,
fast zahmen Damm- und andern Hirschen belebt, bei den Dör
fern Wangen und Percha vorüber nach Starnberg (6 3/4 St.).
Die erste Poststation von München, und mit demselben,
selbst durch regelmässige Stellwagenfahrten, stets im Verkehr,
besitzt es ausser der neuen Post gute Gasthöfe im Tutzin-
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ger Hofe (der sogenannten alten Post) und in dem des Herrn
Ruppaner. Die reizende Lage des an dem Würm- oder
Starnberger-See gelegenen Dorfes mit seinem Bergschlosse,
dem Sitz des Landgerichtes, macht dasselbe und die zu fest
bestimmten Preisen zu Schiff bequem und leicht zu besuchen
den, mit meist trefflichen Wirthschaften versehenen Umge-
bungen des 5 Stunde langen und in seinem Umfange 12
Stunden messenden See’s zu Lieblingsaufenthalten der Münch-
ner, werth auch von dem Fremden nicht nur flüchtig berührt
zu werden, wenn er sich auch, gelockt von den in der Ferne
sich aufthürmenden Gebirgsmassen, hinter ihnen erst das wahre
Eden verspricht. Das königliche Jagdschloss Berg am lin-
ken, und Possenhofen, Eigenthum Sr. Hoheit des Herzogs
Max in Bayern, am rechten Ufer, sollten wenigstens nicht
unbesucht bleiben, um die wundervollen Fernsichten über den,
in mancher Hinsicht an die Schönheiten eines italienischen
erinnernden, See nicht ungenossen zu lassen. Doch sind auch
für den, welcher längere Zeit verweilen kann, nicht minder
die übrigen Umgebungen, wie Garazhausen, das neuerbaute
Landhaus der nun verstorbenen Freifrau von Bayersdorf mit
herrlichen Anlagen, Kempfenhausen, Leonihausen, Allmanns-
hausen, Ammerland, Bernried, Seeshaupt und Tutzing des
Kennenlernens werth.
Von den weitern Umgebungen des Sees erwähnen wir:
das nur eine Stunde vom nördlichen Ufer liegende Schloss
Leutstetten und das Mineralbad Petersbrunn, (ersteres
eine Besitzung des Fürsten von Oettingen-Wallerstein,) welche
sich zahlreicher Besuche, die sie ihrer angenehmen Lage
wegen würdig sind, erfreuen.
Jedoch mehr noch verdienen die nach Westen liegen
den Gegenden die Aufmerksamkeit des Freundes der Natur;
nur etwa 24 Stunden weit entfernt liegt das auf guter Vici-
nalstrasse zu erreichende malerische Andechs mit dem auf
einem 2415 Fuss hohen Berge emporragenden Kerstorff’schen
Schlosse nebst einer Wallfahrtskirche, von denen aus man
eine herrliche Aussicht über den nahen Ammersee und süd-
lich nach den Hochgebirgen hin geniesst. Auf dieser Höhe
stand dereinst die Burg des alten und mächtigen Geschlechts
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der Andechser, welche …

Hier kannst du die vollständige Reisebeschreibung als PDF Dokument ansehen und lokal speichern: Von München über Füssen zur Wertach im 19 Jahrhundert

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2 Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen historischen Reisebericht. War auf der Suche nach einem alternativen Wanderführer. Liest sich sehr vielversprechend. Ich werde im kommenden Sommer diesen Spuren nach radeln und gehen. Schön wäre es, wenn sie den Weg auch auf einer Karte darstellen.

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