Auf dem Floß von München nach Wien

Eine Reise auf Isar und Donau im 18. Jahrhundert gesehen mit den Augen eines Engländers.

Im Jahr 1772 besuchte der englische Komponist und Musikschriftsteller Charles Burney das europäische Festland. Er bereiste unter anderem Deutschland und Österreich, wo er einen Teil seines Weges – die Strecke zwischen München und Wien – auf Flößen zurücklegte. Insgesamt sieben Tage dauerte die Flussreise auf Isar und Donau, seine Erfahrungen schrieb Burney in einem Tagebuch nieder. Anschaulich berichtet er dort von den Besonderheiten einer Floßreise, zu der auch die Eigenheiten von Land und Leuten gehören, denen er unterwegs begegnete. Seine „geographischen und Reisebeschreibungen“, wie Burney sie selbst nennt, vermitteln einen Eindruck davon, wie es gewesen sein mag, auf einem Floß ein Land zu bereisen. Burneys Blick ist dann auch in erster Linie der eines Reisenden, seine Ausführungen lassen erkennen, dass er Isar und Donau vor allem in ihrer Funktion als Verkehrs- und Transportwege wahrnahm. So schreibt er über die Isar:

Die Jeser [= Isar], an welcher München liegt, und welche hernach in die Donau fällt, fließt sehr schnell, ist in zu viele Arme verbreitet und also für Barken und Böthe, die einen tiefen Boden und Kiel haben, zu flach. Der Fluß strömt auch zu heftig, daß auf demselben irgend etwas heraufgebracht werden könnte. Allein Bayern hat Ueberfluß an Holz, besonders an Tannen. Von diesen macht man Flösser [=Flöße], welche den Strom hinuntergehen und des Tages einen Weg von 14 bis 16 deutschen Meilen zurück legen.

Dem englischen Reisenden fiel zunächst die begrenzte Befahrbarkeit der Isar auf, welche von einer geringen Wassertiefe herrührte. Ein Umstand, der zwar durch den Bau von Flößen gut gemeistert werden konnte, aber die natürliche Flachheit der Isar schien für Burney problematisch zu bleiben:

Wenn man von München zu Wasser abgeht, macht die Stadt einen schönen Anblick. Das Land aber, wodurch wir fahren, schien sehr armselig zu sein; man erblickte nichts als Wasserweiden, Schilf, Sand und Grund. Das Wasser war an etlichen Stellen so untief, daß ich dachte, das Floß müsste zum festsitzen kommen.

Als Transportmittel, das nicht nur Waren, sondern auch Menschen beförderte, bot das Floß eine eigene Fahrtleistung auf und noch dazu keine geringe: 14 bis 16 Meilen, ca. 105 bis 120 km pro Tag konnte an Strecke bewältigt werden. Die natürliche Untiefe war jedoch eine Schwierigkeit, die der Mensch trotz Floß immer zu berücksichtigen hatte. Die hohe Fließgeschwindigkeit der Isar war folglich nicht ohne Einschränkung in den Dienst des Menschen zu nehmen.
Mochte es auch schnell vorangehen, komfortabel war das Reisen auf dem Floß offenbar nicht. Burney beschreibt, dass die Reisenden in kleinen Hütten aus Tannenholz untergebracht waren, die nur wenig vor Wetterumschwüngen zu schützen vermochten. In den Aufzeichnungen zum 24. August 1772, jenem Tag, an dem das Floß München in Richtung Freising verließ, heißt es:

Als wir aber bei Freysingen ankamen, ward ich im Westen einer kleinen schwarzen Wolke gewahr, welche in weniger als in einer halben Stunde das heftigste Gewitter, mit Donner, Blitz, Regen und Wind hervorbrachte, dessen ich mich jemals erinnre. Ich erwartete wirklich jeden Augenblick, daß der Blitz meine kleine Hütte anzünden würde. [] und dazu drang der Regen an hundert andern Stellen herein: plitt, platt, plitt!

Gewitter, Regen, Nebel und Kälte begleiteten Burney auf der gesamten Reise. An den Widrigkeiten des Wetters, die er hinnehmen musste, änderte auch der Wechsel auf ein größeres, besser ausgestattetes Floß zur Weiterfahrt auf der Donau nichts. Was sich aber änderte, waren Landschafts- und Flusseigenschaften. Burney hielt fest, dass die Donau im Vergleich zur Isar langsamer floss, eine größere Tiefe besaß und sehr rege für den Transport von Gütern genutzt wurde– auch flussaufwärts:

Diesen Morgen begegnete uns eine Anzahl Fahrzeuge, die zu Salzburg und Passau mit Salz geladen waren, und von mehr als vierzig Pferden den Strom hinauf gezogen wurden, deren jedes von einem Manne getrieben wurde. Die Kosten dieser Fracht belaufen sich so hoch, daß der Preis dieser Waare vierhundert pro Cent dadurch theurer wird. Mich deucht, wir fuhren hier nicht so geschwinde wie auf der Jser, welche oft Wasserfälle hatte; und das Floß tauchte zuweilen so tief, daß plötzlich drey oder vier Fuß Wasser in meine kleine Hütte drängte.

An der Flößerwirtschaft zum „Grünen Baum“ in München legten Flöße mit Reisenden Richtung Wien ab.


Die enorme Kraft des Wassers, die Schönheiten der Flusslandschaft scheinen Burney zunehmend beeindruckt zu haben, so schreibt er weiter, kurz vor Linz:

Was hier für Wasser zusammenfließt! Ein Fluß stürzt sich nach dem andern in die Donau, die dadurch nicht sowohl breiter als tiefer wird; es gehn aber auch wieder kleine Flüsse von ihr aus, und in dieser Welt von Wassern liegen viele Inseln in der Mitte und an den Seiten. Ehe wir nach Linz kamen, zeigte sich eine Strecke flaches Haideland, und hohe mit Bäumen bedeckte Berge in der Ferne.
Der Blick wirkt hier weniger wie der eines Reisenden, der mit einem konkreten Ziel unterwegs ist, sondern ähnelt dem eines Betrachters, der ein imposantes Naturschauspiel beobachtet und in seinen Bann gerät.

Zuletzt gewann dann aber doch die Gesinnung des Reisenden die Oberhand – Burney sehnte das Ende seiner Reise herbei. Kurz vor Wien entschied er sich auf Zeitgründen dazu, das Floß zu verlassen:

Zu Nusdorf, einem Dorfe eine gute Stunde von Wien, das nichts hat, als eine Kirche und einen Mauthhof, verlor ich fast alle Geduld, da mir gesagt wurde, daß nicht daran zu gedenken, daß das Floß heute, auf einen Sonntag, in Wien kommen könnte. Es war erst um fünf Uhr und der siebende Tag [], so ward ich sowohl vor Hunger als wegen Zeitverlust sehr ungeduldig nach meiner Erlösung, und nachdem ich eine Stunde lang vergeblich nach einer Chaise [= leichte Kutsche] gesucht hatte, bekam ich endlich ein elendes Bott, das mich und meinen Bedienten nach Wien bracht.

Wenn auch am Ende die Ungeduld überwogen haben mag und der Fluss wieder mehr als Transportweg in den Fokus rückte, so bleibt doch der Eindruck, dass Burney während seiner Floßreise immer wieder einen anderen Blick auf die beiden Flüsse gewann, auf denen er ganze sieben Tage unterwegs war – einen Blick des Staunens und der Faszination angesichts mächtiger Naturphänomene.

Quelle: Carl Burney’s der Musik Doctors Tagebuch einer musikalischen Reise durch Frankreich und Italienwelche er unternommen hat um zu einer allgemeinen Geschichte der Musik Materialien zu sammeln, aus dem Englischen übersetzt von Christoph Daniel Ebeling, Hamburg 1772

Bild: „Zum Grünen Baum“ von Joseph Stephan, Öl auf Leinwand, 1767; Münchner Stadtmuseum

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