Bayern wird vermessen – 1801

Bayern ist im Wandel wie nie zuvor in seiner langen Geschichte. Am 16. Februar 1799 übernimmt Kurfürst Max IV. die Regentschaft in München. Aber erst der Friede von Lunéville vom 9. Februar 1801 schafft die Voraussetzung um aus Bayern einen modernen Staat zu formen. Große territoriale Veränderungen stellen die bayerische Regierung vor enorme administrative Probleme. Gebietszuwächse durch die Säkularisation müssen integriert werden. Bayern umfasst jetzt 17 000 Quadratkilometer mit 843 000 Einwohnern. Ein einheitliches Steuersystem hat es bis dato nicht gegeben. Bayern ist zu Beginn des 19. Jahrhundert mit 114 bestehenden Grundsteuersystemen konfrontiert. Die Herausforderung ist Vereinheitlichung. Am 19. Juni 1801 wird hierfür das Topographische Büro gegründet. Seine Hauptaufgabe war zunächst militärische Karten herzustellen. Es war Napoleons Wunsch, für die französische Heeresleitung eine astronomisch und geographisch richtige Karte von Bayern zu erhalten. Doch bald wird das Büro auch eine wichtige Grundlage für die Finanzierung des Staates und des Militärs schaffen. Bayern benötigt eine Karte für die Erhebung der Grund- und Bodensteuer. Dabei tauchen sofort die nächsten Probleme auf. Mit welchen Maßeinheiten soll dies durchgeführt werden? Jede Stadt, jedes Territorium in Bayern hatte seine eigenen Maße. Für das ganze Land werden jetzt verbindliche Größen festgelegt: Fuß und Rute für die Längenmessung und Dezimal und Tagwerk für die Fläche. Eine vermessenes Bayern entsteht. Auf dem Papier und auf dem ganzen Land. Und im Jahre 1872 wird in Bayern dann das Meter wie im ganzen „Reich“ eingeführt.

Der nördliche Turm der Münchener Frauenkirche wurde als Nullpunkt der Bayerischen Landesvermessung gewählt. Noch heute bildet dieser den Ausgangspunkt für die Blatteinteilung der bayerischen Flurkarten (der Katasterkarten). Bild Copyright A. Struck

Ein kleines Problem taucht dabei bei der Kartierungen von hügeligen Wegstrecken mit Stundensäulen auf planen Papierkarten auf. Dies wird in den immer häufiger verwendeten Reiseführern auch erklärt. Alles muss stimmen. Die abstrakte vermessene Welt stößt beim Durchlaufen der wirklichen Welt an seine unscheinbaren Grenzen.

„Dies iſt auch die Urſache, warum in den Karten die Stundenſäulen, manchmal etwas mehr oder weniger entfernt, voneinander ſtehen, weil unmöglich alle Anhöhen und kleinere Wendungen der Straſſen auf dem Papier konnten angezeigt werden.“

Riedl, Reiseatlas von Bajern, 1796

Bis zur Einführung des Meters in Bayern wird die Entfernung an Chausséen in Stunden angegeben und durch sogenannte Stundensteine und Stundensäulen gekennzeichnet. Die „Zeitangabe“ Stunde steht aber nicht für einen Zeitraum, sondern dient als Entfernungsangabe:

  • 1 geometrische Stunde = 1 bayerische Poststunde
  • 12 703 bayerische Fuß = 3707,5 m = ½ bayerische Meile

Die zylindrischen Stundensäulen sind etwa 1,90 m hoch und im Mittel 55 cm breit. Ausgehend von einem Oberpostamt werden sie fortlaufend mit römischen Zahlen versehen. Zwischen zwei Stundensäulen befinden sich 7 Stundensteine. Diese sind kleiner und teilen die Wegstrecke in 8 gleiche Abschnitte.

Kursächsische Postmeilensäulen (1747)

Stundensteine und Stundensäulen tauchen in Reiseführern des 19. Jahrhunderts häufig auf. Sie sind „korrekte“ Bezugspunkte für den Reisenden. Sei es auch um die wichtige Weite des Weges nach Holzkirchen mit Unterkunft und Brauhaus richtig einzuschätzen.

„Bei der neunten Stundensäule liegt der Markt Holzkirchen, ein ziemlich lebhafter Ort mit manchen hübschen neuen Gebäuden, die nach öfter stattgehabtem Brande, freundlich wieder erbaut sind, Eine grosse Zahl guter Gast- und Bräuhäuser bieten dem Reisenden zufriedenstellendes Unterkommen.“

Riedl, Reiseatlas von Bajern, 1796

Die ältesten Typen von „Distanzsteinen“ in Bayern sind römische Meilensteine. Sie sind über 1.500 Jahre alt und nur noch dort erhalten, wo man sie bei Ausgrabungen wiederentdeckt hat. Auf ihnen wird die Entfernung in römischen Meilen mit etwa 1,5 Kilometer angegeben.

In Reiseführern wird auch auf die Grenze der Vermessung von Bayern hingewiesen. Welche südlich von Miesbach und in der Grafschaft Werdenfels zu finden ist und damit der wirklichen Grenze zur Grafschaft Tirol verdächtig nahe kommt.

„Die Stundenſäulen wurden nach der Meſſung von Landsberg über Weſſobrunn bis Weilheim, dann von Weilheim, wo wieder nach einer Stunde von neuem mit der Zahl, angefangen wurde, bis an die Grafſchaft Werdenfels geſetzet, in der Grafſchaft ſelbſt wurden die Säulen nicht mehr geſetzet, daher ſind ſie auch darinn nicht bemerket.“

„Die Stundenſäulen ſtehen nur nach der Meſſung von München bis Mießbach, weil von Mießbach bis Fiſchhauſen der Weg nicht mehr erhoben iſt.“

Riedl, Reiseatlas von Bajern, 1796

Oder ganz im Sinne der Reisenden um den Abstieg mit herrlicher Aussicht zur Loisach zu finden.

„In einer ansehnlichen Höhe geht die Poststrasse fort, zur Rechten das auf einer Anhöhe erbaute Reschenauer-Schlösschen und Dorf Irrschenhausen, zur Linken die Ufer der Isar zeigend und stets eine wundervolle Aussicht ins Gebirge bietend, und senkt sich, nachdem man durch Dorf Icking gekommen, zwischen der siebenten und achten Stundensäule durch eine Schlucht in ein weites Thal, durchströmt von der Loisach, in dem wir nach einer kurzen Strecke den gewerbsamen, freundlichen Markt Wolfrathshausen, die zweite Poststation, erreicht haben.“

Theodor Hartwig, Taschenbuch für Reisende durch Südbayern, 1842

Heute gibt es kaum noch Stundensteine und Stundensäulen in Bayern. Es sind Schilder an den Straßen geworden. In 25 Jahren gibt es vielleicht auch diese Schilder nicht mehr. GPS und Smartphone lösen diese ab. Die Geschichte geht weiter.

Das die Natur dabei anderen Maßstäben folgt, hat bei der Vermessung von Bayern nie eine Rolle gespielt und wird es auch nicht mit GPS und Smartphone. Bestenfalls weist der Umstand, das eine Wegstunde in Bayern etwa 3,7 km betrug, und in Kursachsen mit 4,531 Kilometer angegeben wurde, auf ein etwas sanfteres Verhältnis zu Mensch und Natur hin. Die Bayerische Wegstunde war um 0.7 km langsamer für den Fußgänger. In Preussen war die Zeit im 19. Jahrhundert von Anfang an aus der Entfernung gestrichen. Eine Meile war mit 7,532 Kilometern schon richtig groß. Es waren bereits Meilensteine und für ein anderes Verständnis von Tempo und Geschwindigkeit angelegt. Die Einführung der Eisenbahn hat die Zeit dann endgültig von seiner Natur entfesselt.

Quellen:

Zitate wie angegben.

Wikipedia

BSZ

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