Bergsteigen im Jahr 1336

Die Besteigung des Mont Ventoux

„Auf dem Gipfel ist das Ende aller Dinge und des Weges Ziel“

Francesco Petrarca, Frankreich, 1336

In einem auf den 26. April 1336 datierten Brief richtet sich der italienische Humanist Francesco Petrarca, der zu dieser Zeit in Frankreich lebt, an Dionigi di Borgo San Sepolcro und schildert, wie er zusammen mit seinem Bruder den Mont Ventoux in der Provence bestieg. In der zeitgenössischen Rezeption wird diese Beschreibung der Besteigung des Mont Ventoux als kulturhistorisches Schlüsselereignis an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit gesehen. Die Beschreibung gilt weithin als die Begründungsliteratur des modernen Alpinismus. Warum dem so ist und was dabei vom Humanismus in der Naturwahrnehmung mit vielleicht bis heute anhaltenden Folgen verkannt wurde, soll in diesem kurzen Blog, kritisch angesprochen werden.

„Dabei trieb mich einzig die Begierde, die ungewöhnliche Höhe dieses Flecks Erde durch Augenschein kennenzulernen.“

Zunächst war es die Herausforderung und der Erkenntnisdrang, die Entdeckung, die den seinen Weg beschreibenden Wanderer Petrarca zur Besteigung des Mont Ventoux veranlassen. Auslöser war für Petrarca eine Stelle bei Titus Livius (römischer Geschichtsschreiber, * ca 59 v. Chr. † um 17 n. Chr.), wo „Philipp der Macedonierkönig“ den Berg Hämus in Thessalien besteigt, um der „Fabel“ auf den Grund zu gehen, das man von dort „zwei Meere schauen: das Adriatische und das Schwarze Meer“ kann.

Die Besteigung selbst wird zu einer Herausforderung. „Er ist nämlich eine jäh abstürzende, fast unersteigliche Felsmasse. Indessen gut hat der Dichter gesagt: Verwegnes Mühen alles zwingt.“ Dabei gibt es keinerlei Beschreibung einer „schönen“ oder „harmonischen“ oder sonst wie offenbarenden, vor allem lebendigen Natur. Es werden keine Blumen, Bäume oder „ansprechenden“ Landschaften auf dem Weg zum Gipfel beschrieben.

Ein Hirte wies ihnen den Weg „zwischen den Felsen einen steilen Pfad mit dem Finger“. Und erzählte: „… er habe vor 50 Jahren in ebensolchem Ansturme jugendlichen Feuers den höchsten Gipfel erstiegen, indessen nichts von da heimgebracht als Reue und Mühe und von Felskanten und spitzem Dorngestrüpp zerrissenen Leib und Rock, und es sei weder vor noch nach jener Zeit je bei ihnen davon gehört worden, daß irgendwer Ähnliches gewagt habe.

Francesco Petrarca, Zeichnung von Altichiero da Zevio, etwa 1370 bis 1380

Die beiden Wanderer sind also bestimmt nicht die ersten, und auch nicht die Einzigen, die auf den Gipfel gingen und dort waren. Petrarca selbst schreibt „Wir … bestiegen heute endlich, jeder mit einem Bedienten, den Berg, nicht ohne viel Beschwerde.“ Die einzige Stelle, an der die „Bedienten“ genannt werden. Eine Gepflogenheit, die sich bis heute bei 8000er Aspiranten hält, bei „solo“ bleiben gern die Sherpas ungenannt.

Auf dem Gipfel wird Petrarca klar, das seine Erkenntnisfähigkeit trotz der „geistigen“ Höhe eine Grenze gesetzt wird: „Der Grenzwall der gallischen Lande und Hispaniens, der Grat des Pyrenäengebirges, ist von dort nicht zu sehen, nicht daß meines Wissens irgendein Hindernis dazwischenträte – nein, nur infolge der Gebrechlichkeit des menschlichen Sehvermögens.

Damit stellt sich die Frage, warum bin ich hier? Als Petrarca oben auf dem Gipfel angekommen war, betrachtete er die Landschaft: „Wolken lagerten zu meinen Füßen, und schon sind mir Athos und Olymp minder unglaublich geworden, da ich das, was ich über sie gelesen und gehört, auf einem Berge von geringerem Rufe zu sehen bekomme.“ Seine Sehnsucht Heimat Italien kann er nicht sehen, aber eine „antike“ Erinnerung an die „olympischen“ Götter und deren Sitz wird in ihm wach und relativiert sich zugleich auf sein Hier und Jetzt, einem im Vergleich unbedeutenden Berg Ventoux. In diesem Spannungsfeld sucht er nach einer Antwort für sein erhabenes Gefühl und schlägt hierfür zufällig eine Seite in den Confessiones von Augustinus auf:

„Und es gehen die Menschen hin, zu bestaunen die Höhen der Berge, die ungeheuren Fluten des Meeres, die breit dahinfließenden Ströme, die Weite des Ozeans und die Bahnen der Gestirne und vergessen darüber sich selbst.“

Augustinus, Confessiones X, 8

Nur im Erkennen seiner selbst, seiner alles begründenden Seele macht es Sinn, hier zu sein. Das Zusammenfallen von Bekämpfung, ja Überwindung der Natur durch „schmerzhafte“ körperliche Anstrengung und zugleich Rückwendung auf das Selbst bedeuten für Petrarca ein Bekehrungserlebnis. Die Überwindung des Schmerzes, der Hass als Voraussetzung von Liebe: „Nun endlich habe ich die Wahrheit gesagt. Denn so ist es: ich liebe, aber das, was ich lieber nicht liebte, das, was ich zu hassen wünschte. Und dennoch liebe ich, aber wider Willen, gezwungen, betrübt und voll Trauer, und an mir selbst erprobe ich Armer den Sinn jenes so berühmten Sprüchleins: Hassen – soweit ich kann, sonst liebe ich wider Willen.“ Warum tue ich mir das an, diese Frage stellen sich viele Bergsteiger bei einer anstrengenden Tour bis heute, so auch Petrarca. Am Gipfel gibt es hierfür dann die Antwort.

Die Erfahrung, allein in der „überwältigenden“ Natur zu seiner Seele zu finden, ist die Erfahrung, um die es Petrarca geht. Es geschieht nicht in einem christlich geschaffenen, kulturellen Raum. Es geschieht nicht in einer Gemeinschaft, wenn diese auch als Vorbedingung um auf den Gipfel zu kommen, wesentlich ist. Es ist allein der Bruder, der den Weg mit ihm teilen kann. So schreibt er bei der Vorbereitung zur Besteigung: „Was glaubst du wohl? Schließlich wende ich mich um Beistand an den, der mir zunächst steht, und eröffne die Sache meinem jüngeren, meinem einzigen Bruder, den du ja gut kennst. Frohere Botschaft hätte er nicht hören können, und er dankte mir freudig, daß er bei mir gleichzeitig die Stelle eines Freundes und eines Bruders hätte.“ Die Erfahrung macht er aber dann allein als Individuum.

Die Besteigung des Gipfels mit all seiner Anstrengung wird zu einer Selbsterfahrung. Der dann folgende Abstieg wird zur Rückkehr zu sich selbst, nicht zu einer Umkehr: „Da beschied ich mich, genug von dem Berge gesehen zu haben, und wandte das innere Auge auf mich selbst, und von Stund an hat niemand mich reden hören, bis wir unten ankamen.“

Seine Gedanken relativieren die körperliche Anstrengung für die Herausforderungen der Seele auf seinem geistigen Weg. Die Wanderung ist nur ein Hinweis auf das wirkliche Große, was vor ihm liegt.

„Und auch das kam mir Schritt für Schritt in den Sinn: Wenn es einen nicht reut, soviel Schweiß und Mühe auf sich zu nehmen, damit der Leib, ein klein weniges dem Himmel näher komme, welches Kreuz, welche Kerkerqual, welcher Marterstahl dürfte dann die Seele schrecken, die da Gott sich naht und die dabei die aufgeschwollene Bergeskuppe der Überhebung und die Geschicke der Sterblichkeit unter die Füße tritt?“

Auf dem Gipfel, nach der großen Anstrengung, war es Petrarca möglich, den Grund der Dinge zu erkennen und sein gesamtes Leben offenbarte sich als ein Weg dorthin.

Glücklich, wer den Grund der Dinge durfte erkennen, Wer die Schrecken des Tods und das unerbittliche Schicksal Seinem Fuß unterwarf – und des geizigen Acheron Toben!

„Nach Innen gewandt zur Seele“ ist das entscheidende für Petrarca auf dem Gipfel in der Natur. »Was du heute so oft bei Besteigung dieses Berges hast erfahren müssen, wisse, genau das tritt an dich und an viele heran, die da Zutritt suchen zum seligen Leben.“ Diese Erfahrung nach großer Anstrengung auf einem Weg zu einem Ziel ist von allumfassender Bedeutung.

Am 26. April 1336 zu Malaucène
Francesco Petrarca

Ein großer Text, eine große Erfahrung, und viel weniger ein Bruch mit dem Mittelalter, wie gern gesehen, als ein Kontinum auf der Suche nach Glückseeligkeit. Die körperliche Überwindung für geistige Freiheit bleibt und prägt uns bis heute. Empathie für eine zerbrechliche, sensible Natur jenseits unserem Ich, das hier sucht, scheint im Humanismus nicht erwähnenswert zu sein. Ein „mittelalterliches“ Beispiel, stigmatisiert mit der Abwertung des Diesseits, angeblich voller Körperfeindlichkeit, wird hierzu demnächst in einem weiterem Artikel zu weiterem Nachdenken anregen. Was ist für uns denn nun Natur.

Dieser Artikel ist geo-referenziert mit dem Gipfel des Jochberges in den Bayerischen Voralpen. Der einmalige Blick von dort oben auf zwei Seen, den Kochelsee und den Wlachensee, soll an die Sehnsucht des Weitblickes auf zwei Meere als Motivation, sich auf den Weg zu machen, in dem Text von Petrarca erinnern.

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