Beschränkung der Flüsse auf Normalbreite

Was ist normal? Flussregulierungen im Wandel der Zeit.

Die wichtigsten Arbeiten, welche an der Isar seit vier Jahren vorgenommen worden sind, bestehen in einigen Flusscorrectionen. […] Von der Bogenhauserbrücke [in München, A.d.V.] abwärts ist die Isar in einer Länge von zehntausend Fuß durch die […] erbaueten Dämme auf ihre Normalbreite beschränkt. Sie hat in diesem Raume ihr Flussbett dadurch um mehrere Fuße vertieft, die Höhe der Ueberschwemmungen bedeutend vermindert, und fließt selbst bey den verheerenden Hochwassern unschädlich zwischen den Dämmen fort.1

Isar und Amper bei Moosburg, Topographischer Atlas vom Königreiche Baiern (1817-1840)

Diese Aussagen entstammen dem Werk des Wasserbauinspektors Heinrich Freiherr von Pechmann „Ueber den frühern und gegenwärtigen Zustand des Wasser- und Straßenbaus im Königreiche Baiern“ aus dem Jahr 1822, und behandeln das im Kontext einer jeden Flussgeschichte bedeutsame Thema der „Flusscorrectionen“ bzw. Flussregulierungen, d.h. bauliche Eingriffe in natürliche Fließverhältnisse, die vor allem der Veränderung des Wasserstandes oder der Abflusseigenschaften eines Flusses dienten. Seit der Frühen Neuzeit bis ins 19. Jahrhundert hat es an den großen Flüssen Mitteleuropas viele solcher Bauprojekte gegeben.2 Die Gründe waren vielfältig, allen voran die Schiffbarmachung, der Schutz vor Hochwassern und die Erschließung neuer Flächen etwa für die Landwirtschaft bewegten die Menschen dazu, in natürliche Flussverläufe einzugreifen und sie zu verändern. Am häufigsten geschah dies in Form von Durchstichen durch mäandrierende Flussbögen, die eine Verkürzung der Flussverläufe und eine höhere Fließgeschwindigkeit bewirkten. Man errichtete Uferbefestigungen, versuchte über den Einbau von Wehren die Strömung, Fließgeschwindigkeit und -richtung zu beeinflussen, baute Dämme und Deiche und legte Kanäle an, die als Transport- und Verkehrswege fungierten und mit hierfür notwendigen Bauten wie Schleusen versehen wurden.3

Beschränkung der Flüsse auf die Normalbreite, d.i. jene Breite, welche sie zur Fortschaffung ihrer Wassermasse gerade nur bedürfen, und Durchgrabung der zu großen Krümmungen, sind die beiden vorzüglichen Mittel um vernachlässigte Flüsse unschädlich zu machen.

Heinrich Freyherr von Pechmann: Ueber den frühern und gegenwärtigen Zustand des Wasser- und Straßenbaues im Königreiche Baiern, München 1822

Heute gehen wir den entgegengesetzten Weg. Wo immer möglich, sollen baulich veränderte Flüsse renaturiert und ursprüngliche Flussverläufe wiederhergestellt werden. Das sehen Richtlinien wie die Europäische Wasserrahmenrichtlinie vor, die einen einheitlichen Schutz von Gewässern und ihrer chemischen, ökologischen und biologischen Eigenschaften im europäischen Raum anstrebt.4 Vieles sehen wir heute anders als frühere Generationen, insbesondere die negativen Auswirkungen der Flussregulierungen und -begradigungen sind gegenüber den positiven Nutzungserwartungen stärker ins Bewusstsein gerückt – eine erhöhte Hochwassergefahr, das Absinken des Grundwasserspiegels und die Gefährdung oder Zerstörung ökologischer Lebensräume zählen zu den tiefgreifendsten Folgen menschlicher Eingriffe in komplexe Flusssysteme. Trotz zahlreicher Schutzmaßnahmen können und sollen jedoch nicht alle künstlich veränderten Fließgewässer in ihren ursprünglichen Zustand zurückgeführt werden. Dann wiederum wären Nutzungsinteressen des Menschen, das erkennt die Wasserrahmenrichtlinie an, unverhältnismäßig stark eingeschränkt.5 Ein beständiges Abwägen, welche künstlichen Veränderungen in und an Flüssen zugunsten des ökologischen Gleichgewichts rückgebaut, welche aufgrund wirtschaftlicher oder ähnlicher Interessen verändert beibehalten werden, scheint notwendig und zeigt sehr deutlich, dass die Nutzungsinteressen des Menschen und die natürlichen Eigenschaften der Flüsse schon immer in einem Spannungsfeld standen. Die Ausführungen des oben bereits zitierten Wasserbauinspektors Heinrich Pechmann gewähren einen Einblick in die Beziehung Fluss-Mensch zu Beginn des 19. Jahrhunderts und zeigen auch die Vorstellungen auf, die mit Flurregulierungen und -begradigungen in dieser Zeit verbunden waren:

Das südliche Baiern […] wird von vielen und großen Flüssen durchströmt. Die meisten derselben, die Iller, der Lech, die Isar, der Inn, die Salzach gehören zu den reissendsten und und verheerendsten Gebirgsströmen6,

schreibt Pechmann und betrachtet die Flüsse dann ganz „in Hinsicht auf ihren Nutzen oder Schädlichkeit für die angraenzenden Bezirke, und auf ihre Brauchbarkeit für die Schifffahrt und diese selbst.“7

Damit stand die bestmögliche Nutzung der Flüsse durch den Menschen und dahingehend die Frage nach baulichen ‚Optimierungen‘ im Mittelpunkt seiner Überlegungen. Für künstliche Eingriffe in die natürlichen Flussverläufe sprachen vor allem Nutzungseinschränkungen und der potentielle Schaden für die am Fluss angesiedelten Menschen:

So segenbringend Flüsse für die Länder, welche sie durchströmen, auch sein können, so bleibt es doch bey manchen derselben zweifelhaft, ob die Verheerungen, welche sie längs ihrer Bahn hervorbringen, nicht ihren Nutzen aufwiegen, oder wohl gar überwiegen, so lange die Kunst sie nicht bezähmt. Bey vielen der reissendsten Flüsse Baierns ist dieses unstreitig der Fall. Nichts scheint ihrer Gewalt widerstehen zu können, wo sie theils noch zwischen hohen Gebirgen strömen, oder in geringer Entfernung von denselben ein noch großes Gefälle ihnen eine reißende Geschwindigkeit mittheilet. Die dadurch verursachten Verheerungen werden wesentlich durch die ungeheuren Massen von Steingeschieben vermehret, welche diese Flüsse fortwährend aus den Gebirgen erhalten. Beym Schmelzen des Schnees und den Wolkenbrüchen, führet jedes Seitenthal, und jede Schlucht deren eine unermeßliche Menge herbey. Oft erblickt man dann nur eine fortschreitende Masse von kleinen und großen Steinen, letztere oft von einem Gewichte von mehreren Zentnern, wie von einer unsichtbaren Kraft langsam fortgeschoben, denn das Wasser scheint nur eben die Zwischenräume auszufüllen. Nichts widersteht diesem Strome, oft nicht einmal Felsen; und Häuser, welche er unglücklicher Weise trifft, werden wie leichte Körper mit fortgenommen und in Trümmern zermalmt. Allen es bedarf nicht dieser großen, plötzlichen Naturwirkungen, um unserer Gebirgsströme mit Geschieben zu füllen. Unaufhörlich zerbröckeln die verwitternden Oberflächen der ungeheuren Kalkgebirge, und senden durch tausende von Graben und Bächen ihre Trümmer den Flüssen zu. […] Diese Geschiebe werden in den Flüssen vorzüglich dadurch nachtheilig, weil diese, meistens sich selbst überlassen, sich in einen viel breiteren Raum ausdehnen, als ihre Wassermasse bedarf. Diese verliert dann die Kraft, die Geschiebe fortzuwälzen, welche liegen bleiben, das Flußbett erhöhen, und den Fluß zu noch größeren Verheerungen veranlassen. Daher die oft 3000’ weiten Kiesfelder der Isar, die sie nur bei Hochwasser bedeckt, bey kleinem Wasser aber in einer Breite von kaum hundert Fuß einem Bache ähnlich durchirrt. An manchen Orten sind diese immer sich erhöhenden Kiesflächen bereits höher, als die nahe liegenden Grundstücke geworden, welche dadurch allmählig in Sumpf verwandelt werden. Diese üblen Folgen sind an den Flüssen, mit nicht sehr fruchtbaren Umgebungen weniger zu bedauern, als an den Ufern des Inns und der Donau, welche die fruchtbarsten Gegenden des Königreiches durchströmen. […] Welche Strecken des fruchtbaren Bodens wären zu erhalten und zu gewinnen, wenn diese Flüsse allenthalben auf ihre Normalbreite beschränkt würden!

Allein nicht überall vermag dieses Mittel den Verheerungen der Flüsse Schranken zu setzen.

Einer der gewöhnlichsten und wichtigsten Ursachen derselben sind die großen Flußkrümmungen oder Serpentinen. Der Fluß benagt in ihnen fortwährend die Ufer, bringt sie zum Abbruche, und die fruchtbarsten Flure werden allmählig sein Opfer. Selten widerstehet ein Bau in denselben lange den unaufhörlichen Angriffen, wenigstens bedarf er beynahe alle Jahre geldverzehrende Erhaltungsarbeiten: in reissenden Strömen hingegen vermögen keine in solchen Krümmungen liegende Schutzbauten die Ufer zu erhalten. Eine andere nicht minder nachtheilige Folge derselben sind die so verderblichen Eisstopfungen?. Bey harten Eisgängen nämlich tritt sehr leicht der Fall ein, daß das Eis in engen Krümmungen flockt?, sich zu ungeheuren den ganzen Fluss hemmenden Dämmen häuft, und dann höchst verderbliche Überschwemmungen verursacht. Es gibt in diesen Fällen nur ein zuverlässiges Mittel. Dieses ist die Geradeleitung des Flusses mittels Durchstechung der Krümmungen. Man hat in Baiern, und wohl auch in andern Ländern, zur der Zeit, als man an die Wirksamkeit dieses Mittels noch nicht glaubte, oder es für kostbarer hielt, als es ist, an mancher Stelle durch lange fortgesetzte Schutzbauten mehr Geld verwendet, als es gekostet haben würde, und sich am Ende dennoch gezwungen gesehen, es anzuwenden. Seit einigen Jahren wurden viele Flusskrümmungen an beinahe allen Flüssen Baierns mit so glücklichem Erfolge durchgegraben, daß nun selbst Gemeinden, die sich vorher lebhaft dieser Maßregel widersetzt hatten, ihr Vorurtheil der vor ihren Augen liegenden Erfahrung opfern, und um die Ausführung ähnlicher Durchstiche zu ihrem Schutze bitten.8

Dass Gefahren von den in ihren ursprünglichen Verläufen belassenen Flüssen ausgingen und immer die Möglichkeit eines größeren Schadens drohte, diese Wahrnehmung der Flüsse wird in Pechmanns Schilderung sehr greifbar und macht auch verständlicher, dass er in dieser Hinsicht nur zwei Wege für gangbar hielt: „Beschränkung der Flüsse auf die Normalbreite, d.i. jene Breite, welche sie zur Fortschaffung ihrer Wassermasse gerade nur bedürfen, und Durchgrabung der zu großen Krümmungen, sind die beiden vorzüglichen Mittel um vernachlässigte Flüsse unschädlich zu machen.9

Heute wissen wir, dass diese Mittel, die Flüsse ‚unschädlich‘ zu machen, langfristig gerade neuen, anderen Schaden geschaffen haben und ihrerseits Folgen hatten. Der Vergleich der Perspektiven zeigt, dass Wahrnehmungen und Sichtweisen sich ändern, Einschätzungen sich wandeln können. Heute haben wir ein anderes Wissen von „Flusscorrectionen“ als vor 200 Jahren, Maßnahmen wie die Europäische Wasserrahmenrichtlinie wollen den Schutz der Gewässer sicherstellen und im Spannungsfeld zwischen Nutzungsinteressen und natürlichen Flussverhältnissen vermitteln. Denn neben Wandel gibt es auch Kontinuität: auch heute – wie 1822 – will der Mensch die Flüsse nutzen und von ihren Vorteilen profitieren. Wie wird die Nachwelt in 200 Jahren auf unseren Umgang in diesem Spannungsfeld blicken?

200 Jahre später sieht die Flusslandschaft um die Einmündung der Amper in die Isar bei Moosburg im Vergleich zu obiger, historischer Karte ganz anders aus. Eine Vielzahl der Mäander ist verschwunden und Kanäle und Stauseen optimieren den Fluss zu seiner ersehnten „Normalität“

1 Heinrich Freyherr von Pechmann: Ueber den frühern und gegenwärtigen Zustand des Wasser- und Straßenbaues im Königreiche Baiern, München 1822, Seite 47, 31.

2 Andreas Dix, Eintrag „Flussregulierungen“ in: Enzyklopädie der Neuzeit online, unter: http://dx.doi.org.emedien.ub.uni-muenchen.de/10.1163/2352-0248_edn_COM_265120> (20.05.2020)

3 Ebd.

4 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Richtlinie_2000/60/EG_(Wasserrahmenrichtlinie)

5 Heinrich Freyherr von Pechmann: Ueber den frühern und gegenwärtigen Zustand des Wasser- und Straßenbaues im Königreiche Baiern, München 1822, Seite 25.

6 Ebd.

7 Ebd., Seite 26.

8 Ebd., Seite 27ff.

9 Ebd., Seite 29.

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