bRECHT am LECH

Wanderparkplätze und Bertold Brecht am Lech. Eine etwas ungewöhnliche Betrachtung über Liebe zwischen Theater und Natur.

Welches Recht entscheidet für die Natur? Und was kann das für die Naturwahrnehmung und vor allem den nachhaltigen Umgang mit der Natur und dem Naturschutz bedeuten? Und was bedeutet uns Naturliebe? Diesen Fragen möchte ich mich heute mit einem literarischen Beispiel von Bertolt Brecht nähern. Der Bezug zur Natur ist hier mehr symbolisch als konkret zu verstehen.

Bertolt Brecht Dichter, Theatertheoretiker und Regisseur. 
( Bundesarchiv, Bild 183-W0409-300 / Kolbe, Jörg / CC-BY-SA 3.0)

Brecht kam am 10. Februar 1898 in Augsburg am Lech auf die Welt. Sein Geburtshaus war ganz nah an der Sozialsiedlung der Fuggerei und in Fuß Gehweite zum Lech. Er machte in Augsburg sein Abitur und erlebte dort seine erste Liebe. Sein Vater arbeitete erfolgreich in der Papierfabrik Haindl, welche aus der Weiterentwicklung einer Papiermühle am Malvasierbach in der Lechstadt Augsburg entstand. Die Haindl’schen Papierfabriken waren zeitweise der größte Papierproduzent Deutschlands und stellten damals vor allem Zeitungspapier für den Druck her. Am Fluss geboren und aufgewachsen, vom Fluss ein Stück weit ernährt, dabei wollen wir es hier zur Biografie von Bertolt Brecht belassen.

Bereits als 15jähriger veröffentlichte Brecht in Augsburg Prosa und Gedichte. Eines seiner auch heute noch bekannten und viel gespielten Stücke ist der „Kaukasische Kreidekreis“. Im Stil des Epischen Theaters besingt ein Sänger eine Geschichte um einen Rechtsstreit um die Nutzung eines Tals. Dabei erbt ein Kind viel Besitz, doch es ist unklar, wer die wirkliche Mutter ist. Die Pflegemutter, die sich durch alle Wirren des Krieges um das Kind gekümmert hat oder die genetische Mutter, die ihr Kind des Erfolgs und Luxus willen verlassen hat, aber jetzt mit der Aussicht auf Reichtum wieder Ansprüche stellt. Um den Streit zu klären, der sich formal juristisch aus den vorliegenden Dokumenten nicht klären lässt, entscheidet ein „Dorfrichter“, dass das Kind in einen Kreidekreis gestellt werden soll und die beiden Mütter um es kämpfen sollen. Die Mutter, die ihr Kind liebt, wird siegen. Es heißt im Text : „die wahre Mutter wird die Kraft haben, ihr Kind aus dem Kreis zu reißen“. Als die beiden Frauen an dem Kind ziehen, und es vor Schmerz schreit, lässt die Pflegemutter los. Nun kommt es aber zu einer Wendung, denn der Dorfrichter gibt der Pflegemutter das Kind, denn

„dass da gehören soll, was da ist, denen, die für es gut sind“.

Überträgt man das Bild des geliebten Kindes, um das man sich sorgt, auch wenn es einem nicht gehört, und nicht verletzen möchte, auf den richtigen Umgang mit der Natur und dem Leben als Ganzes, um das man sich sorgt, dann lässt sich das Motiv im Kaukasischen Kreidekreis entsprechend weiter interpretieren. Die Natur und das Leben gehört denen, die sie lieben und gut zu ihr sind. Eine mächtige Aussage zum Umgang und der Nutzung von der Natur. Eine Wahrnehmung, die ganz und gar im Gegensatz zum zumindest seit der Aufklärung üblichen Umgang mit der Natur steht. Die Eroberung und Beherrschung der Natur, und hier vor allem des Wassers und der Flüsse, weil sie eine Gefahr für den Menschen sind, war seit 250 Jahren in Deutschland das führende Handlungsmotiv. Soweit so gut.

Etwas fort vom Besitzstreit, und wem was warum gehört, nun Allgemein etwas zum Umgang mit etwas, was ich liebe. Und was heißt denn hier Naturliebe? Hier möchte ich einen weiteren Akzent zum nachdenken setzen. Der mir den Kaukasischen Kreidekreis nochmals anders näher bringt. Und damit aus dem „alten“ literarischen Bild einen weiteren, sehr ernsten Bezug zur Gegenwart und zu unserem heutigen Handeln hat. Dies vor allem auch jenseits von jedem Gedanken um Besitz und damit jenseits von verdächtig links oder verdächtig rechts. Da spricht uns noch etwas anderes an.

Wir alle wissen inzwischen, das Autofahren und Fliegen nicht gut für Umwelt und Natur sind. Unabhängig von globaler Erwärmung und Klimawandel gibt es viele andere Gründen hierfür. Die Themen gibt es seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts. Aber wie steht es nun um die Naturfreunde und Naturliebhaber am Wochenende auf einem der überfüllten Wanderparkplätze in den bayerischen Voralpen? Wie steht es um die Trecking Tour im Himalaya innerhalb von 14 Tagen mit Flug von München? Welche Naturliebe ist das? Reißt man dabei dem Kind nicht den Arm aus, um es zu lieben? Ich lass jeden selbst darüber nachdenken und entscheiden, wie er hierzu steht. Ich habe meine Antwort gefunden und mein Auto verschrottet. Und meine Bergtouren sind näher und schöner geworden. Inzwischen komme ich auch damit zu recht, das all die vielen einheitlichen gelben Wanderschilder ihren Start auf dem Wanderparkplatz und nicht am Bahnhof haben, und dass ich beim Bergwetter im Internet bei einem Verein, bei dem ich seit fast 50 Jahren Mitglied bin, regelmäßig Autowerbung halb bildfüllend sehen muss. Ich weiß, dass hat nichts mit der Naturliebe zu tun, die mich bewegt. Und noch etwas fällt mir dazu dann immer wieder ein. Sokratische Weisheit: Wenn jemand weiß, dass etwas nicht gut ist, und es trotzdem tut, dann hat er es noch nicht wirklich verstanden. Liebe und Denken liegen viel näher beisammen wie man, na ja, denkt. Davon aber ein andermal.

Auf der Karte findest du das Geburtshaus von Bertolt Brecht in der Nähe der Fuggerei und nicht weit vom Lech. Heute befindet sich dort das Brecht Haus.

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