Das Salz der Erde

Flüsse sind das Salz der Natur. Sole und Salz in Bad Reichenhall erinnern uns daran.

Neben zahlreichen überirdischen Gewässern, die das Landschaftsbild des Alpenvorlandes prägen – den vielen Flüssen, Bächen, Seen und Mooren – finden sich im Nordosten von Oberbayern dem Auge zunächst unzugängliche und verborgene, aber nicht minder faszinierende Wasservorkommen: die unterirdischen Solequellen und ‚Salzseen‘ von Bad Reichenhall im Landkreis Berchtesgadener Land. Archäologische Funde (Brunnenreste) belegen, dass im Reichenhaller Raum bereits in der prähistorischen und in der römischen Zeit aus Solequellen Salz gewonnen wurde und das weiße Gold als natürlicher Rohstoff eine bedeutende Rolle spielte.1 Der Begriff Sole bezeichnet dabei eine wässrige Salzlösung, die in Bad Reichenhall spezifisch Alpensole oder Alpenquellsole genannt wird und einen Salzgehalt von max. 26% aufweist.2 Das Alpensalz, dieses „Gewürz aller Gewürze“3, wird in Bad Reichenhall unmittelbar aus den Tiefen der Alpen gewonnen. Dort entstanden mit der Austrocknung des Urmeeres vor 250 Millionen Jahren Salzstöcke, die im Gestein der Berge lagern und dort in Quellwasser gelöst werden, das sich dann in den Hohlräumen des Bad Reichenhaller Beckens sammelt.


Übersichtskarte Soleleitung, Adrian von Riedl: Reise-Atlas von Bajern, München 1796, Seite 225.

Von dort wurde und wird es an die Oberfläche gebracht und durch das Sieden und Verdampfen der Sole Salz gewonnen. Diese spezifisch auf Sole beruhende Salzgewinnung beschreibt eine Encyclopädie aus der Frühen Neuzeit mit den Worten: „Das gemeine Küchensalz, Soolensalz, Brunnensalz,[…] gewinnt man aus den Salzsoolen (Aquae salinae) durchs Versieden derselben in den dazu bestimmten Pfannen. Die Fabrikanstalt, wo dieses verrichtet wird, wird eine Saline, eine Salzkoctur oder eine Salzsiederey genannt.“4

„Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.“

Matthäus 5,13

Die Saline von Reichenhall (den Zusatz „Bad“ führt die Stadt erst seit 1890)5 ist die älteste deutsche Saline und sie erreichte ihre Blüte im 12. Jahrhundert. 6 Das Versieden der Sole in den „dazu bestimmten Pfannen“, den Sudstätten, bedurfte stets großer Mengen Brennholz, die zunächst zur Saline gebracht werden mussten. Der Betrieb einer Saline setzte damit zweierlei voraus: „Die Hauptbedingungen zur Anlegung einer Saline, die mit Vortheil betrieben werden soll, bestehen: 1) in dem Daseyn einer hinreichend starken Soolquelle; 2) in der Nähe eines schiffbaren Strohmes, um auf demselben das erforderliche Brennmaterial herbei und das fertige Salz fortschaffen zu können.“7

Ein schiffbares Gewässer gab es in Reichenhall nicht, das Holz wurde, auch angesichts der bereits stark gelichteten Wälder um Reichenhall und eines allgemeinen Holzmangels, in der Neuzeit unter anderem aus dem Bayerischen Saalforst im österreichischen Pinzgau per Trift auf dem Wasser der Saalach nach Reichenhall gebracht. Gerade die aufwendige Holzbeschaffung ließ dann Anfang des 17. Jahrhunderts den Gedanken aufkommen, nicht das Holz zur Saline bzw. zur Sole, sondern die Sole zum Holz zu bringen und so wurde 1619 in Traunstein eine weitere Sudstätte in Betrieb genommen. Diese Saline wurde über die sog. Soleleitung Reichenhall-Traunstein mit Sole versorgt, deren Bau Herzog Maximilian I. drei Jahre zuvor, im Jahr 1616, in Auftrag gegeben hatte. Im Frühjahr 1617 begannen die Arbeiten und innerhalb von zwei Jahren entstand eine knapp 32 km lange Leitung, die von Reichenhall über Innzell nach Traunstein führte und sich aus einer Vielzahl hölzerner Deicheln aus Fichtenstämmen zusammensetzte. Um den Höhenunterschied zwischen Reichenhall und Innzell zu bewältigen, etwa 250m, wurden auf der Strecke sieben Pumphäuser errichtet, in denen die Sole jeweils aus einer tiefer gelegenen Brunnstube in ein höher gelegenes Bergstüberl gepumpt wurde, um dann von dort mit leichtem Gefälle weiter zu fließen. Ab der höchsten Stelle floss die Sole dann ständig bergab nach Traunstein, wo sie in der Sudstätte verarbeitet wurde. Ca. 200 Jahre später, im Jahr 1810, wurde die Soleleitung dann mit Blei verstärkt und bis Rosenheim verlängert, wo noch eine zweite Sudstätte errichtet wurde.

> „Reichenhall, im Königreich Bayern, zwischen Unken und Salzburg, hat gute Quellen, die theils dort versotten werden, theils aber vermittelst eines 36 Fuß hohen Rades auf ein hohes Gebäude gebracht und durch bleierne Röhren mehr als drei Meilen weit über hohe Berge nach Traunstein geleitet und daselbst versotten werden, welches aus der Ursache geschieht, weil Traunstein […] mehr Holz, auch zur Ausfuhr mehrere Bequemlichkeit hat, als Reichenhall.“8<

Auflistung der Brunnhäuser auf der Strecke Reichenhall-Traunstein bei Riedl (Adrian von Riedl: Reise-Atlas von Bajern, München 1796, Seite 228.)

Eine besondere Bedeutung erhielt die Soleleitung nach dem großen Stadtbrand in Reichenhall 1834, als die Saline mitsamt all ihren Verwaltungsanlagen vernichtet wurde. Trotz großer Schäden wurde die Produktion in provisorischen Sudhütten rasch wieder aufgenommen, doch das Hauptaugenmerk lag in dieser Zeit auf der seit 1619 betriebenen Soleleitung. Nur zwei Tage nach dem Brand, am 11.11. 1834, floss bereits wieder Sole zu den Salinen in Traunstein und Rosenheim, die in dieser Zeit die Hauptlast der bayerischen Salzproduktion trugen. Die Holzbeschaffung blieb dabei immer ein Thema: Alle drei Salinen mussten über die nahen Wasserläufe, vor allem über Saalach und Traun sowie über Mangfall, Leitzach und Schlierach, mit Brennholz versorgt werden, wofür Triftstrecken, -rutschen und Holzlagerplätze errichtet wurden. Die Triftstrecke nach Rosenheim betrug ganze 56 km, um diese Strecke abzukürzen erbaute man zwischen 1813 und 1821 einen eigenen Triftkanal entlang der unteren Mangfall. Auf diesem Weg wurden jährlich bis zu 45.000 Ster Holz zur Saline Rosenheim gebracht.9 Erst 1892 wurde das Brennmaterial dann von Holz auf Steinkohle umgestellt, welches auf der neu gebauten Bahnstrecke Freilassing-Berchtesgaden zu den Sudstätten gebracht wurde, und mit Inbetriebnahme des Saalachkraftwerkes 1914 endete der Holztrift auf der Saalach endgültig. Das Salz selbst wurde ab 1866 ebenfalls über die Bahnstrecke Freilassing-Berchtesgaden abtransportiert.

Bad Reichenhall ist heute mit seiner langen Geschichte der Solegewinnung und Salzproduktion ein beliebter Ausflugsort. Die Alte Saline, 1837 im Auftrag von König Ludwig I. von Bayern erbaut und zwischen 1844 und 1929 in Betrieb, ist heute ein Industriedenkmal und fördert Sole nur noch zu Kur- und Gesundheitszwecken. Unter dem Hauptbrunnhaus entspringen in einem System von Stollen und Schächten mehrere Solequellen, die dort in einem Hauptschacht zusammengebracht und aus 14m Tiefe durch große, von Wasserrädern betriebene Druckpumpen an die Oberfläche befördert werden. Wasser hatte für die Salzproduktion in Bayern damit immer und in verschiedenster Form eine tragende Bedeutung: vom Vorhandensein der Sole bis hin zum fertigen Küchensalz bedurfte es vieler Arbeitsschritte, die direkt oder indirekt mit dem Wasser zusammenhingen. Davon zeugen noch heute die alten Triftanlagen, die lange Zeit der Brennholzbeschaffung dienten, und die gut sichtbaren Überreste der Soleleitung von Reichenhall nach Traunstein.

Erinnert uns die Soleleitung an die wichtige Salzproduktion in Bayern, gebunden an den Träger Wasser zeigt es uns einmal mehr die Vielfalt von voralpinen Flüssen und deren kultureller Bedeutung. Wasser ist das Salz der Natur, und wir dürfen nicht zulassen, das es seine lebenserhaltenden Rollen in seiner Vielfalt verliert und nur noch kanalisiert zur Energienutzung dahinfließt, “ … zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet“ und „von den Leuten zertreten.“ lässt.

1Vgl. https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Handwerk_in_Altbayern_(Sp%C3%A4tmittelalter/Fr%C3%BChe_Neuzeit)

2 https://www.bad-reichenhall.de/alte-saline

3 Ludwig Solereder: Vaterländisches Lesebuch für die obern Klassen in den Volksschulen Bayerns, München 1876, Seite 43.

4 J.G. Krünitz: Oeconomische Encyclopädie oder allgemeines System der Land-, Haus- und Staats-Wirthschaft: in alphabetischer Ordnung. Berlin 1773-1858, Eintrag „Salz“, unter: www.kruenitz1.uni-trier.de.

5 https://de.wikipedia.org/wiki/Bad_Reichenhall.

6Vgl.https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Handwerk_in_Altbayern_(Sp%C3%A4tmittelalter/Fr%C3%BChe_Neuzeit)

7 J.G. Krünitz: Oeconomische Encyclopädie oder allgemeines System der Land-, Haus- und Staats-Wirthschaft: in alphabetischer Ordnung. Berlin 1773-1858, Eintrag „Salz“, unter: www.kruenitz1.uni-trier.de.

8 Ebd.

9 Vgl. https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Fl%C3%B6%C3%9Ferei)

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