Das Unmögliche möglich machen – dem „Gemeingebrauch“ Grenzen setzen

In den 48 Jahren, zwischen 1967 und 2015, in denen ich als leidenschaftlicher Fischer ehrenamtlich für drei Fischereiorganisationen an Lech und Ammer gleichzeitig tätig war, habe ich einen Großteil meiner Freizeit an und in diesen Flüssen verbracht. Natürlich spielt auch der Umweltschutz für uns Fischer ein große Rolle, da ein intaktes Ökosystem nicht nur den Fischbestand erhält, sondern auch ein Naturerlebnis garantiert, das für die meisten Fischer beinah ebenso wichtig ist wie der Fangerfolg. Daher habe ich mich in all den Jahren meiner ehrenamtlichen Arbeit vornehmlich dem Naturschutz an Lech und Ammer gewidmet. Bei der Ammer, diesem landschaftlichen Juwel im oberbayerischen Pfaffenwinkel, stand zunächst der ungebremste Bootsverkehr von Kanuten, Kajak- und Schlauchbootfahrern im Fokus. Über den schwierigen und langwierigen aber letztlich doch erfolgreichen Prozess, eine Reglementierung des Bootsbetriebs unter Beteiligung aller relevanten Gruppen zu erwirken, will ich im Folgenden berichten. Meine Ausführungen mögen andere dazu ermutigen, sich für den Naturschutz stark zu machen und dabei den Dialog mit anderen Interessengruppen zu suchen, denn nur so konnte es gelingen, das Unmögliche möglich zu machen.

Als langjähriger Vorsitzender eines Fischereivereins gelang es mir 1984, das Fischereirecht für eine ca. fünf Kilometer lange Flussstrecke innerhalb der Ammerschlucht für meinen Verein anzupachten. Die direkt anschließende, ebenfalls fünf Kilometer lange Nachbarstrecke flussabwärts, auch noch im Bereich der Schlucht, wurde zeitgleich von einem anderen Verein angepachtet. Durch die Nachbarschaft wurden dessen Vorsitzender und ich sehr schnell gute und gleichgesinnte Freunde. Sorge bereitete uns von Anfang an der ungebremste Bootsbetrieb: Spitzenbelastungen von bis zu 250 Booten pro Tag waren schon damals keine Seltenheit. Abgesehen von dem stetig zunehmenden Bootsverkehr, war es für uns als Fischer besonders problematisch, dass die Ammer zu jeder Zeit befahren wurde, also völlig unabhängig von der Wasserführung des Flusses und den Laichzeiten der Ammerfische. Etwas musste geschehen: Der Bootsbetrieb musste reglementiert werden, um ihn in geordnete, erträgliche Ausmaße zu überführen und, um gleichzeitig einen weitreichenden Fischschutz sicherzustellen. Für alle übrigen Naturnutzer musste ein Betretungsverbot im Rahmen einer naturschutzrechtlichen „Allgemeinverfügung“ her, um – neben weiteren Bestimmungen – Eisvogel, Wasseramsel, Uhu und insbesondere den stark gefährdeten Flussuferläufer auf den Kiesbänken und Inseln während der Brutzeit zu schützen.

Eine Reglementierung des Bootsbetriebs zu betreiben, war in Bayern eine mehr als heikle Angelegenheit, da die Bayerische Verfassung dem Bürger in der sogenannten „Gemeingebrauchsregelung“ ausdrücklich „den freien Zugang zu den Naturschönheiten, das Betreten von Wald und Bergweide, das Befahren der Gewässer, die Aneignung wildwachsender Waldfrüchte“ (Art. 141 Abs. 3 Satz 1) u.s.w. zusichert. Dieser Gemeingebrauch kann – wenn überhaupt – nur unter ganz bestimmten, strengen Voraussetzungen eingeschränkt werden und zwar dann, wenn die Grenzen der „Gemeinverträglichkeit“ überschritten werden. Das klingt recht einfach, ist aber alles andere als das, weshalb es auch in ganz Bayern noch keinen Belegfall gab, auf den wir uns hätten beziehen können.

Um mit unserem Anliegen Erfolg zu haben, war uns klar, dass wir von Anfang an mit allen relevanten Gruppen den konstruktiven Dialog suchen mussten. An den Diskussionen nahmen daher neben dem Landratsamt (Referate Wasserrecht und Naturschutz), dem Wasserwirtschaftsamt und dem Forstamt nach und nach auch die zuständigen Naturschutzwächter, Vertreter des Bund Naturschutz und des Landesbunds für Vogelschutz, sowie die Bürgermeister der verschiedenen Gemeinden teil. Aber auch Jäger, Fischer und Kanuten, ja sogar der Tourismusverband, der die Ammer stark beworben hat, beteiligten sich. In diesen über die Jahre andauernden sogenannten „Schluchtgesprächen“ (der Begriff ist erst im Laufe der Zeit entstanden) wurde nicht übereinander gesprochen und geschimpft, wie es andernorts allzu oft geschieht, sondern miteinander gesprochen und entschieden, wobei jede Stimme zählte, egal ob Beamter, Verbandsvertreter oder Vereinsmitglied. So waren wir auch Dank der Unterstützung der Lokalpolitik wie auch der zuständigen Landkreisbehörden nach zehnjähriger Arbeit 1995 endlich erfolgreich. Ich werde hier nicht näher darauf eingehen, was sich in diesen Jahren in der Lokalpresse, im Rundfunk, im Fernsehen, in der Regierung von Oberbayern und im Bayerischen Landtag – inklusive einer ganzen Anzahl von Petitionen pro und contra – abgespielt hat, das würde an dieser Stelle zu weit führen. Nur so viel: Allein dieses Projekt füllte mehr als ein Dutzend Aktenordner! Was aber wirklich zählt, ist der Erfolg und der kann sich sehen lassen: Der Bootsverkehr ist um rund zwei Drittel zurükgegangen und vom 15. Oktober bis zum 30. April herrscht totale Ruhe auf dem Wasser. Und für die Zeit der Befahrung besteht darüber hinaus eine ganze Anzahl von Bestimmungen, die zu beachten sind.

Die geschilderte Besetzung der „Schluchtgespräche“ hat sich sehr bewährt, niemand möchte sie missen, jeder lernt vom anderen und bekommt Verständnis für die Anliegen seines Nachbarn. Beispielhaft ist hierfür der Bayerische Kanuverband e.V. zu erwähnen, der uns Fischer und unser Ansinnen anfänglich vehement bekämpft hat und sogar mit einer Petition gegen uns vorgegangen ist. Mittlerweile ist er ein befreundeter Verband, der voll hinter der „Kajakverordnung“ steht, wie sie bei uns allgemein bezeichnet wird. Wie ein normaler Naturschutzverband vertritt er heute die Beschränkungen in seiner Verbandspresse und in der Öffentlichkeit. Schon seit Jahren geben die drei großen bayerischen Naturschutzorganisationen, der Bund Naturschutz, der Landesbund für Vogelschutz und der Landesfischereiverband Bayern zusammen mit dem Kanuverband immer wieder gemeinsame Presseberichte oder Resolutionen in Sachen Ammer heraus. So haben sich die Zeiten geändert und das auch noch zugunsten unserer geliebten Ammer!

Dieser Text ist ein Auszug aus einem Beitrag von Armin Rempe, der ebenfalls im Dialog Natur zum Thema „Natur erhalten“ unter dem Titel „Die Geschichte einer Rettung“ erschienen ist. Wer noch mehr Details und Hintergründe zu diesem Projekt erfahren will, dem sei das Buch von Armin Rempe mit dem Titel „Ein Fluss der (fast) wieder jungfräulich wird – Die Renaturierung der Ammer“ empfohlen, das voraussichtlich 2017 erscheinen wird.

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