Der Fluss, zwischen Ehre und Zweck im 18. Jahrhundert.

Flüsse hatten im Leben des Menschen schon immer eine zentrale Bedeutung. Ob zur Schifffahrt, zur Flößerei, zum Betrieb von Wassermühlen, zum Fischfang u.a., der Möglichkeiten, Flüsse für verschiedenste Zwecke nutzbar zu machen, gab es schon immer viele.

So vielfältig wie die Möglichkeiten waren aber auch die Interessen der Flussbenutzer. Früh stellte sich die Frage, „wer welches Wasser in welchem Umfang und welcher Menge unter welchen Voraussetzungen unter wie gearteter Abstimmung mit anderen Interessenten nutzen“1 durfte. Welche Vorstellung verbarg sich aber überhaupt in früheren Zeiten hinter dem Begriff Fluss? Ein Nachschlagewerk aus dem 18. Jahrhundert gibt Auskunft. Zum Begriff Fluss findet sich in der Oeconomischen Encyklopädie des Johann Georg Krünitz die Aussage:

Fluß, von dem Zeitworte fließen. […] Derjenige Körper, welcher fließet. […] In engerm und dem gewöhnlichsten Verstande ist Fluß […] ein fließendes Wasser, welches einen breiten Canal hat, und langsam fließet, zum Unterschiede von einem Bache, einem kleinen fließenden Wasser, und von einem Strome, einem breiten und sehr schnell fließenden Wasser. Eigentlich ist ein Fluß ein starkes Wasser, welches in den von der Natur ihm gesetzten Schranken, und durch die ihm selbst in dem Erdboden gemachten Tiefen, auf der Fläche der Erde, vermöge seiner eigenen Schwete, seinen ordentlichen Lauf hat, auch durch andere dazu kommende Wasser immer größer zu werden pfleget, so, daß es auch Schiffe tragen kann. […] Wenn der Fluß eine solche Tiefe und Breite erhält, daß er zur Fahrt mittelmäßiger, oder auch wohl ziemlich großer Schiffe dienlich wird, heißt er ein schiffbarer Fluß.2

Titelblatt des 18. Bandes der Oeconomischen Encyclopädie: „Oeconomische Encyclopädie oder allgemeines System der Staats-Stadt-Haus-u. Landwirthschaft, in alphabetischer Ordnung; von D. Johann Georg Krünitz, Berlin 1779, bey Joachim Pauli, Buchhändler.“ Quelle: Wikipedia

In Abgrenzung zum kleineren Bach und zum größeren Strom war der Fluss vor allem über seine Schiffbarkeit definiert. Schon im Mittelalter hatte der König das sog. Stromregal (Regalien waren Vor- und Sonderrechte eines Königs), damit die Nutzungsrechte an schiffbaren Flüsse besessen. Er konnte entscheiden, ob etwa Brücken, Häfen, Kanäle oder Mühlen gebaut, Flößerei oder Fährbetrieb eingerichtet oder Abgaben für bestimmte Nutzungsbereiche gezahlt werden sollten, z.B. Fährgelder oder Zölle. Aber nicht nur Verkehr und Transport auf den schiffbaren Flüssen unterlagen rechtlichen Regelungen. Sog. Flussordnungen regelten ab dem 16. Jahrhundert die Nutzung von Flüssen und Flussufern schiffbarer wie nicht schiffbarer Fließgewässer in beachtlichem Umfang. Neben Bestimmungen zum Transport – zu Schifffahrt, Flößerei und Trift – enthielten sie Regelungen zur Entnahme und Einleitung von Wasser und anderen flüssigen und festen Stoffen, zur Aufstauung oder Absenkung des Wasserspiegels, zur Anlage von Fähren und Brücken, der Anlage von Mühlen und Fischteichen, zum Fischfang, zu Abgrabungen, der Ableitung von Wasser für gewerbliche Zwecke, (z.b. Färberei, Gerberei, Brauerei) und zur Wiesenbewässerung sowie zur Nutzung der Flüsse zum Waschen von Materialien wie Wolle u.ä.3 Die Fülle der Bestimmungen sollte gewährleisten, dass nicht jeder mit dem Gemeingut Flusswasser bzw. -ufer verfahren konnte, wie er aus einem Einzelinteresse heraus wollte, dass niemand den Fluss so nutzen konnte, dass anderen daraus Nachteil oder Schaden entstand. Hierzu zählte auch die Verschmutzung und Verunreinigung eines Flusses. Eine bemerkenswerte Schilderung der „Unreinlichkeit unserer Flüsse“, aber auch der Nachlässigkeit der Flussbenutzer findet sich in Krünitz’ Oeconomischer Encyklopädie zum Eintrag „Fluss“. Dort heißt es:

Die Flüsse sind in allen Städten von Europa gleichsam die allgemeine Cloak aller Unreinigkeiten. Die stinkendesten und ekelhaftesten Dinge, todte Thiere, die Unreinigkeiten der heimlichen Gemächer, und kurz alles, wovon man sich entledigen will, wird in die Flüsse geworfen. […]

Diese Unreinlichkeiten der Flüsse geschehen nicht etwan im Verborgenen, daß sie wenig Leuten bekannt wären. O! nein. Vor jedermanns Augen gehen sie vor. Wie oft sieht man nicht in einer Stadt an einer Stelle die den Unflath abführenden Cloaken oder Gräben in den Fluß einfließen, zehn Schritte davon die Felle der Gärber von verreckten Vieh theils im Wasser liegen, theils ausfpühlen; und zwanzig Schritte besser hinunter ist ein Brauhaus, wo man zu eben der Zeit das, von der Hanthierung der Gärber hinunter fließende, trübe, und voller Haare schwimmende, Wasser zum Bierbrauen einschöpfet; und diese Getränke werden von den allerreinlichsten Leuten der Stadt mit großem Appetit getrunken. Es ist wahr, es ist den meisten Einwohnern einer Stadt sehr bequem, wenn sie sich aller Unreinlichkeiten dadurch entledigen können, daß sie solche in die Flüsse werfen. […]

Denn ohne eine Ehrerbiethung gegen die Flüsse, ist es gar nicht möglich, auf den Dörfern, wo alle Aufsicht ermangelt, bey den Fischern und Schiffleuten, und in vielen andern Umständen, die Verunreinigung der Flüsse zu verhüten.

Aus der Fluss in „Oeconomische Encyclopädie“, von Johann Georg Krünitz, entstanden zwischen 1773 und 1858.

Die Polizey, deren Pflicht es wäre, der Verunreinigung der Flüsse zu wehren, bekümmert sich an den wenigsten Orten um diesen Gegenstand. […] Es sind zwar in der That in einigen Städten Verordnungen, um zu verhindern, daß wenigstens nicht die gröbsten Unreinigkeiten und Unfläthereyen in die Flüsse geworfen werden; allein, die Aufsicht, dergleichen Verordnungen aufrecht zu erhalten, ist allemahl nur sehr mäßig. Es ist auch in der That gar nicht möglich, daß die Polizey die Flüsse nur vor den gröbsten Unreinigkeiten bewahren kann. Was nicht am Tage hinein geworfen wird, das geschieht zur Nachrzeit; und wie viel Aufseher müßte die Polizey nicht bestellen, wenn sie solche nächtliche Verunreinigungen verhindern wollte! Unterdessen ist doch nicht zu zweifeln, daß nicht der Sache auf eine andere Art abgeholfen werden könnte. […] Denn ohne eine […] Ehrerbiethung gegen die Flüsse, ist es gar nicht möglich, auf den Dörfern, wo alle Aufsicht ermangelt, bey den Fischern und Schiffleuten, und in vielen andern Umständen, die Verunreinigung der Flüsse zu verhüten.“4

Aus Krünitz’ Schilderung wird ersichtlich, dass es schon im 18. Jahrhundert einen deutlichen Unterschied gab zwischen rechtlichen Vorgaben und ihrer Kontrolle einerseits und einem fehlenden Bewusstsein der Menschen für ihr Tun andererseits. Ohne eine „Ehrerbiethung gegen die Flüsse“ haben es Gesetze und Regelungen jedoch schwer – das gilt heute noch genauso wie vor 200 Jahren.

1 Harald Seiler: Die Gewässerbenutzungen und ihre Rechtsgrundlagen im Verlauf der Geschichte des Wasserrechts. Ein vergleichender Überblick, 1976.

2 Eintrag „Fluss“, in: Oeconomische Encyclopädie oder allgemeines System der Land-, Haus- und Staats-Wirthschaft : in alphabetischer Ordnung. Berlin 1773-1858, unter: www.kruenitz1.uni-trier.de (aufgerufen: 05.02.20)

3 Andreas Dix: „Flussordnung“, in: Enzyklopädie der Neuzeit Online (aufgerufen: 05.02.20)

4 Eintrag „Fluss“, in: Oeconomische Encyclopädie oder allgemeines System der Land-, Haus- und Staats-Wirthschaft : in alphabetischer Ordnung. Berlin 1773-1858, unter: www.kruenitz1.uni-trier.de (abgerufen: 05.02.20)

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