Der ganze Strand des schmalen Ländchens ist mit schwarzen Einbäumen gezeichnet …um 1860

Einbäume am Chiemsee

In seinem Werk „Das bayerische Hochland“ (1860) widmete der Reiseschriftsteller Ludwig Steub eine längere Passage dem Chiemsee und dessen drei Inseln:

„Der Chiemsee, welcher zwischen den Strömen Inn und Salzach am Fuße der bayerischen Alpen liegt, war in frühern Zeiten, […] die größte Wasserfläche des alten Herzogthums, und wurde darum billig das bayerische Meer genannt. In diesem schönen See sonnen sich drei stille Eilande. Das eine, umfangreichste, mit hohem Wald bewachten […] heißt Herrenwörth und führt seinen Namen von dem Mönchskloster, dessen mächtige Gebäude noch auf ihrer Höhe prangen. Das andere war einst frommen Nonnen eigen, heißt deshalb Frauenwörth und trägt auch ein schönes Stift, das einst 783 der Bajuvarenherzog Thassilo gegründet. Das dritte Eiland endlich wird die Au oder die Krautinsel genannt und ist die Gemüsekammer der Einwohner von Frauenwörth.“1 Über die beiden größeren Inseln schreibt Steub weiter:

„Jene beiden klösterlichen Gelände nun sind die Lieblinge der umliegenden Lande gewesen […] aber während die gottesfürchtigen Väter auf dem weiten Herrenwörth allein blieben mit ihrem Forst und ihren Wiesen, siedelte sich unter dem milden Krummstab der Aebtissinnen zu Frauenwörth ein ganzes Dörfchen an. Da liegen nun um einen Kranz von alten Linden, die vielleicht ein germanisches Heiligthum gewesen, und um einen frischen Anger herum etwa vierzig Häuschen idyllischer, alpenmäßiger Bauart. Diese Fischerwohnungen mit breiten, hervorragenden Dächern und sehr anständigen Galerien, stehen alle am Gestade unter Obstbäumen, so daß mancher rotbackige Apfel in dem Schilfe schwimmt, und sind mit allem möglichem malerischen Apparate umgeben. […] Maisfeldchen und Hopfengärten reichen bis an’s Ufer, das hie und da mit grauen Marmorblöcken eingefasst ist, auf denen die Ruder und ausgediente Schiffsschnäbel liegen. Der ganze Strand des schmalen Ländchens ist mit schwarzen Einbäumen gezeichnet, engen Fahrzeugen, die kunstlos aus einem Stücke alter Eiche gezimmert werden.“2

Es sind Eichklötze, die durch Axthieb ausgehöhlt werden, sich dem Reisenden und dem Führer öffnen, ohne sich in einem Vorder- oder Hinterteil, ohne Geländer und Kielraum aufzuweisen

Das bayerische Hochland, Steub, 1860

An dieser Stelle verlassen wir das idyllische Stillleben, das Steub von der Fraueninsel zeichnet, und wenden uns einmal dem besonderen Bootstyp zu, der hier Erwähnung findet: der Einbaum. Einbäume, das waren dem Namen nach Boote, die aus einem einzigen ausgehöhlten Baumstamm gefertigt wurden und auf dem Chiemsee über Jahrhunderte zum Fischfang und als Transportmittel bzw. als Fährboote Verwendung fanden.

Die Geschichte dieser urtümlichen Bootsform reicht weit zurück. Bereits in der Steinzeit wurden Einbäume als Wasserfahrzeuge zum Transport von Menschen und Gütern verwendet. Der älteste uns heute in Europa bekannte Einbaum, drei Meter lang und ca. einen halben Meter breit, wurde 1955 in den Niederlanden entdeckt und konnte in die Mittelsteinzeit (ca. 9400-4500 v.Chr.) zurückdatiert werden.3

Auch um 1860 sah der Chiemsee aus dieser Rundum – Perspektive kaum anders aus.
Chiemsee im Abendlicht 160 x 40 cm, © Andreas Struck

Auch in bayerischen Gewässern lassen sich immer wieder Funde von Einbäumen und Einbaumfragmenten verzeichnen, laut Angaben des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege sind bislang über 130 Stellen in Flüssen und Seen bekannt.4

Der früheste Beleg für die Nutzung von Einbäumen auf dem Chiemsee ist ein Fund aus dem Jahr 1994, als am südlichen Ufer des Sees Fragmente eines Einbaumes entdeckt wurden, die sich auf die Zeit zwischen 395 und 210 v. Chr. datieren ließen. Weitere Funde belegen die Verwendung von Einbäumen auch im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit.5 Dass Einbäume am Chiemsee noch im 19. Jahrhundert zum Einsatz kamen, zeigt der oben zitierte Abschnitt über die am Ufer der Fraueninsel liegenden Einbäume, die zum Fischfang und als Fährboote dienten. In dieser Funktion nutzte sie auch der kurfürstliche Sekretär des Münchner Hofes im 17. Jahrhundert, etwa 200 Jahre vor Steub, und bemerkte zu den Einbäumen: „Es sind Eichklötze, die durch Axthieb ausgehöhlt werden, sich dem Reisenden und dem Führer öffnen, ohne sich in einem Vorder- oder Hinterteil, ohne Geländer und Kielraum aufzuweisen (alles überflüssige Dinge, wo sich hier der ganze Verkehr nur zwischen den beiden Ufern abspielt), denn bequem kann sich der Reisende niederlassen und rasch kann sich der Rudernde bewegen. Aber auch hier fehlt es ihnen nicht an Meisterschaft, ihre Schiffe fest zusammenzufügen, als auch darin, wie sie aus Baumstämmen ihre Barken aushöhlen.“6

Ähnliches lässt sich mit Blick auf die Machart der Einbäume der Beschreibung Steubs entnehmen, dort heißt es, dass sie „aus einem Stück alter Eiche gezimmert“ waren.

Bisher im Chiemsee gefundene Einbäume:

  • Feldwies am Chiemsee: Latènezeit 395-210 v.Chr.
  • Breitbrunn am Chiemsee: Mittelalter 1301-1408 
  • Prien am Chiemsee: Mittelalter 1308-1426
  • Prien am Chiemsee: Neuzeit 1660-1955
  • Prien am Chiemsee: 1890 von Josef Wopfner („Chiemseemaler“), dem Bayerischen Nationalmuseum übergeben
  • Ein Spielzeugmodell (ca. 30 cm) bei Seebruck am Chiemsee: ca. 1. Jhd. n. Chr. 

Liste von Fundorten siehe auch: Bayerische Gesellschaft für Unterwasserarchäologie e.V.

Eichenholz war das am Chiemsee traditionell zur Einbaumherstellung verwendete Material, denn es war langlebig und robust und zugleich widerstandsfähig gegenüber Pilzbefall und Temperaturschwankungen.7 Da der Einbaum jedoch aus einem einzigen Stamm gefertigt wurde, mussten hierfür zunächst Bäume von entsprechender Größe gefunden werden. Ihre Beschaffung und auch die Herstellung des Einbaumes selbst – insbesondere die Arbeit des Aushöhlens – war aufwändig und kostspielig. Ein Mangel an geeigneten Eichenstämmen und die verhältnismäßig teure Herstellung trugen so im 19. Jahrhundert zum Verschwinden des Einbaums auf den bayerischen Seen bei8, ein Phänomen, von dem auch Julius Bernhard im „Reisehandbuch für das Königreich Bayern und die angrenzenden Landstriche“ (1868) für den Starnberger See berichtet: „Die Fahrzeuge, deren sich die Fischer jezt bedienen, bestehen aus gewöhnlichen flach gebauten Kähnen. In früheren Zeiten besassen sie fast ausschliesslich sog. Einbäume, die aber jezt fast ganz verschwunden sind.“9



Typische Einbäume sind aus einem Baumstamm geschlagen. Am Chiemsee waren sie vor allem aus Eichenholz. Bild Estormiz

Ein Einbaum aus Eichenholz, der im 19. Jahrhundert auf dem Chiemsee im Einsatz war, ist uns erhalten geblieben und kann als Leihgabe des Bayerischen Nationalmuseums im Heimatmuseum von Prien am Chiemsee besichtigt werden, wo das traditionsreiche Wasserfahrzeug mit seiner Länge von immerhin fast 8 Metern auf dem Dachboden untergebracht ist.10

1 Ludwig Steub: Das bayerische Hochland, München 1860, 281f.

2 Ludwig Steub: Das bayerische Hochland, München 1860, 282.

3 Tobias Pflederer: Einbäume am Chiemsee, NAU 11/12, 2005, unter: https://www.bgfu.de/einbaum-galerie/, (28.04.2020)

4 Berichte der Bayerischen Bodendenkmalpflege 50, 2009, 45ff.

5 Katalog der archäologischen Schiffs- und Bootsfunde in Deutschland, unter: http://www.uwarc.de/schiffsfunde/archaeologie.php, (28.03.2020)

6 Paul Höfling; Die Chiemsee-Fischerei. Beiträge zu ihrer Geschichte. Beiträge zur Volkstumsforschung 24, München 1987, 88 ff.

7 Tobias Pflederer: Einbäume am Chiemsee, NAU 11/12, 2005, unter: https://www.bgfu.de/einbaum-galerie/, (28.04.2020)

8 Andrea Lorenzten: Vom Baum zum Boot. Sonderausstellung in der Archäologischen Staatssammlung München, 2010, unter: http://www.archaeologie-bayern.de/de/publikationen-archiv/mitteilungsblatt/mitteilungsblatt-nr-127/ (28.04.2020)

9 Julius Bernhard: Reisehandbuch für das Königreich Bayern und die angrenzenden Landstriche, Stuttgart 1868, 90.

10 Tobias Pflederer: Die Einbäume von Prien am Chiemsee, unter: https://www.bgfu.de/projekte-in-seen-1/chiemsee/die-einb%C3%A4ume-von-prien/, (28.04.2020)

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