Der Menſch endlich benüzet dieſe Gaben der Natur

Von Triften und Flößen im Alpenvorland.

Der Menſch endlich benüzet dieſe Gaben der Natur, ſo gut er nach Lage, und Zeitverhältniſſen, nach Einſichten es vermag. Seine Induſtrie wirket thätig und mit Anſtrengung im beſchränkten Spielraume. Mit vielfachen Opfern der körperlichen Kräfte, des Lebensgenußes, der nächtlichen Ruhe ſchlept er ſich in den Gebirgwaldungen mit Fällen des Holzes, und mit dem Transport deſſelben. Unter Gefahren ſchafft er es durch Schluchten und über jähe Berghängen zu den Wäſſern hinab, die er für Triftung und Floßfahrt benützet. Holz geſcheitert oder in Stämmen, Bretter, Werkhölzer, Felgen, Wagner – Stangen, Fichten-Ninden für Rothgerber, Tiſchlerarbeiten, Kohlen, gebrannten Kalk, Gyps, Heu, und Bier verführt er auf den Flüſſen bis nach der Hauptſtadt hinab.

Joseph Obernberg, Reisen durch das Königreich Baiern, 1815

Die Trift bei Benediktbeuren.

Die Flöße auf der Loiſach verführen Holz, Kohlen, Schneide-Waaren, Gyps und Kalk an die Iſar, und hierauf nach München. Die Fahrt iſt ſeit Jahren durch Eröffnung eines Kanals vor dem Kochelſee beträchtlich erleichtert, und abgekürzt worden, in dem die Flöße den unruhigen See beſeitigen, und ſchneller als jemals in die aus ſelbem wieder abziehende Loiſach gelangen.

Joseph Obernberg, Reisen durch das Königreich Baiern, 1815

Holz war bis zur Erschließung von fossilen Rohstoffen einer der wesentlichen wirtschaftlichen Faktoren im Mittelalter und der frühen Neuzeit. Die Versorgung von Städten mit Holz zum Bau und Heizen waren neben der Nahrungsgrundlage die zentrale Herausforderung. Flüsse als Transportmittel waren dabei die mit Abstand beste Wahl für einen günstige Versorgung von Städten mit Holz. Flussläufe die durch Seen in ihrem kontinuierlichen Strom eingeschränkt sind, waren eine „logistische“ Herausforderung in diesem Versorgungssystem.

Hier sei ein gängiger Lösungsansatz, ein Trift Kanal bei Benediktbeuren vorgestellt.

Für die „Umgehung“ des 40 000 Schuh langen Kochelsee wurde ein Trift Kanal gebaut. So heißt es in einem Reiseführer vom späten 18. Jahrhundert:

Der Kochelſee, ungefähr wie ein Hufeiſen geſtaltet, hält wenig über eine Stunde in ſeiner größten Länge, kaum eine halbe in der Breite, in ganzer Oberfläche 1590 Tagwerke. Die größre Tiefe mißt 42 Klafter und findet ſich gegen das öſtliche Ufer hin. Der See nähret vorzüglich Karpfen, Rutten, Lachsforellen, Hechte, Renken und mehr andere Fiſcharten. Der Waller iſt im benachbarten Karpfſee zu Hauſ. Die Loiſach, welche der Kochelſee einerſeits aufnimmt, zieht vom öſtlichen Theile wieder ab, und macht ſeine Ufer nahe am See zum Sumpfe. Die Floßfahrt war ehemals durch dieſen Umweg von 4oooo Schuhen nicht nur ſehr gehemmt, ſondern ſelbſt auch für Menſchen und Güter äußerſt gefährlich.

Joseph Obernberg, Reisen durch das Königreich Baiern, 1815

Bauherr war das Kloster Benedediktbeuren. Der Trift Kanal begann bei Großweil und mündete westlich des Klosters wieder in die Loisach. Damit verkürzte sich der Weg um 27000 Schuhen. Zum Verlauf der Loisach in diesem Flussabschnitt siehe auch den Artikel Die Loisach bei Kochel

Das Kloſter Benediktbeuern wurde dadurch bewogen, unterhalb Großweil durch das Moos einen Kanal auf 13ooo Schuhe in der Länge
öffnen zu laſſen. Dieſer Kanal ward im Jahre 1712-unter der Leitung des churfürſtl. Waſſerbaumeiſters und Geometers Mathias Pauer glück
lich zu Stande gebracht. Der Kochelſee wird auf dieſem Wege umfahren, und die Floßfahrt gewann volle Sicherheit, und eine Abkürzung
von 27ooo Schuhen, über 2 Stunden.

Joseph Obernberg, Reisen durch das Königreich Baiern, 1815
Gut Sichtbar im oberen Kartenabschnitt der vom Kloster Benediktbeuren gebaute Triftkanal für Hölzer und Flöße um den „Strömngsstillstand“ der Loisach im Kochelsee zu umgehen.

Geografische Lage und Gefälle erlaubten für die Loisach eine Lösung durch einen Triftkanal der noch heute durch seine „Geradlinigkeit“ ins Auge sticht. Eine ganz andere, sehr spektakuläre Lösung fand sich für den Ammersee.

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