Die Isar, Fluss meines Lebens: Vom Heidenröslein zu den „Fliegenden Sternen“ (Sterna hirundo)

Vom Beginn einer Leidenschaft

Seit Kindesbeinen spielt die Isar in meinem Leben eine wichtige Rolle. Die früheste Erinnerung reicht bis vor den zweiten Weltkrieg. Auf einem Osterspaziergang während eines Urlaubs mit meinen Eltern bei Lenggries versank ich, als noch kleines Kind, vor ihren Augen plötzlich mit einem Bein tief im Treibsand. Von meinem langen Stumpf, der, wie damals üblich, mit einem Straps an einem Leiberl befestigt war, war fast nichts mehr zu sehen. Mit großem Stolz glückte es mir, mich selber zu befreien.

Mit zehn Jahren verbrachte ich im Sommerhalbjahr viele Wochenenden und alle Urlaube mit meinen Eltern und meiner Schwester in Ascholding, wo mein Vater ein kleines Ferienhäuschen gebaut hatte. Beim „Holzwirt“ lauschten wir Kinder den Erzählungen der Bergwacht über Enzian, Heidenröslein, Frauenschuh und andere Orchideen. In unserer Vorstellung war die Bergwacht dafür zuständig, auf diese kostbaren Pflanzen aufzupassen.

Jedes Jahr erwarteten wir sehnsüchtig ihre Blütezeit. Dann führten unsere Spaziergänge mit den Eltern entlang einer Leite an den Resten eines Kalkofens vorbei, mit dem in früheren Zeiten aus den Isarkalksteinen der für den Hausbau wertvolle Kalk gebrannt wurde. Über den Klausensteg gelangten wir schließlich in die Isarauen. Die Klause staute früher bei Bedarf den Moosbach, sodass bei plötzlicher Öffnung der Sperre ein Floß die Isar erreichen konnte. Kaum hatten wir die ersten blühenden Heidenöschen-Polster am Rand der Aue erreicht, schon warfen wir uns auf den Boden, um ihren Duft aus vollen Zügen zu genießen. Ganz benommen stürmten wir weiter aus dem Kiefernwald hinaus auf das riesige Kiesbett der Isar. Dort kämpften wir mit unseren Holzschwertern gegen die Treibholzgeister. Nach unserem Sieg schnippten wir flache Steine über das Wasser und beschworen mit dem Zauberspruch „Ohanahoinahui“ den Geist des sagenumwobenen und unheilbringenden, bösen Edelfräuleins „Tutli-Pfeiferl“.

Entdeckung der „Fliegenden Sterne“

Die magische Anziehung, die die Isar als Kind auf mich ausübte, hielt an. In den 1950er Jahren begab ich mich als Biologiestudent gewöhnlich zur Morgendämmerung an die Isar, um dort an ihren Flussarmen entlangzuschlendern. Dabei beobachtete ich immer wieder einen seltsamen Vogel, der als Durchzügler die Isar regelmäßig im Mai besuchte. Ich konnte ihn als Kiebitzregenpfeifer (Pluvialis squatarola) bestimmen, der auf seinem Weg in die arktische Tundra, zu dieser Zeit an der Isar rastete. Die Entdeckung einer kleinen Kolonie von Fluss-Seeschwalben (Sterna hirundo), den „Fliegenden Sternen“, hatte mich so begeistert, dass ich gleich der Ornithologischen Gesellschaft in Bayern e. V. beitrat und mich fortwährend für den Vogelschutz einsetzte. Die „Fliegenden Sterne“ beherrschten den Himmel meines ganzen späteren Engagements für den Vogelschutz.

Erste Rettungsversuche

Den Sylvensteinspeicher gab es damals noch nicht, sodass sich in der Ascholdinger Au durch die Hochwasser mit teils verheerenden Überschwemmungen ein verästeltes Flussarmsystem erhalten konnte. Das Kiesbett erstreckte sich über mehrere hundert Meter Breite. Ein Altwasser bot den Seeschwalben einen mit Elritzen reich gedeckten Tisch, an dem sie sich stoßtauchend bedienten. Schon damals strömten viele Besucher an die Isar, die, wie mir schnell klar wurde, eine ernste Bedrohung für den Bestand der Fluss-Seeschwalben darstellte. Als ich 1965 als Lehrer für Biologie, Chemie und Erdkunde eine Anstellung am St.-Ursula-Mädchengymnasium in Lenggries fand, war die Seeschwalben-Kolonie in der Ascholdinger Au bei Geretsried bereits verschwunden. Die Pupplinger Kolonie flussabwärts bei Wolfratshausen hatte 1970 nur noch etwa sieben Brutpaare.

Nachdem selbst Infotafeln der Ornithologischen Gesellschaft die nackten Isarfans nicht von den Kolonieinseln abhalten konnten, schritt ich zur Tat und stellte eine Gruppe zur Bewachung auf, die sich hauptsächlich aus den Mitgliedern der 1975 gegründeten Landesbund-für-Vogelschutz-Kreisgruppe TÖL zusammensetzte.

So manchen Samstag, Sonntag oder Feiertag verbrachte ich, meist in Begleitung meiner Frau und meinen beiden Kindern, vor der Seeschwalbeninsel. Dort schloss ich u. a. Bekanntschaft mit dem „König der Nackerten“, zeigte Isarfans die Fluss-Seeschwalben, den Flussregenpfeifer und den Flussuferläufer durchs Spektiv und konnte damit besonders die Kinder für deren Schutz begeistern. In der Folge fingen sie selbstbewusst an, Erwachsene vom Betreten der amtlichen Vogelschutzbereiche abzuhalten. Auch meine eigenen Kinder teilten meine Faszination und Begeisterung für die Isar mit ihren Pflanzen und Tieren. Prägend waren hier sicherlich ihre intensiven Naturerlebnisse in früher Kindheit bspw. als sie die Küken eines Flussregenpfeifers auf einer Kiesinsel entdeckt hatten. Eifrig unterstützten sie uns Ende der 1970er Jahre beim zweiten Artenschutzprojekt, dem Aufbau der Gänsesäger-Population (Mergus merganser). Zusammen mit ihren Freunden stellten sie die Fängermannschaft, welche die Jungvögel mutig aus dem Absperrnetz holten, um sie mir zum Beringen zu reichen.

Zwischenbilanz

Die Kombination von Beschilderung, Präsenz und Informationen, die im Gespräch von Mensch zu Mensch weitergegeben wurden, zeigte Erfolg: In zehn Jahren verdreifachte sich die Zahl der Seeschwalben-Brutpaare. Auch wurden wir mit unseren Feldstechern nicht weiter als Spanner beschimpft. Einige vom „Stamm der Nackerten“ machten sich sogar für unser Anliegen stark und pflegten sich drohend aufzubauen, wenn wir Schwierigkeiten mit renitenten Besuchern bekommen hatten.

Der Autor Heribert Zintl zeigt anhand eines fast flüggen Jungvogels der Fluss-Seeschwalbe die enorme Flügellänge dieser Hochleistungsflieger. © Gerd Wellner

Ich konnte außerdem beobachten, dass sich die Fluss-Seeschwalben von passierenden Flößen kaum mehr stören ließen. Auch wenn Menschen ruhig da lagen, sah ich sie in nur zehn Meter Abstand rüttelnd nach Fischchen Ausschau halten. Die Hauptmenge der Fischnahrung holten sie aber damals schon gut zwei Kilometer flussabwärts aus dem Ickinger Eisweiher zwischen dem Kraftwerkskanal und dem Kiesbett der freien Isar – kein Problem für eine Vogelart, die im Vergleich zur etwa gleich großen Türkentaube fast die doppelte Flügellänge hat.

Über die Jahre hatten sich die Vögel offensichtlich dem zunehmenden Besucherandrang relativ angepasst. Während der brütende Flussregenpfeifer damals bei nahenden Fußgängern ohne (!) Hund schließlich nur noch eine Fluchtdistanz von 100 m statt 200 m hatte, liegt diese derzeit sogar bei unter 30 Metern. Vorbeigleitende Boote mit einer Besatzung, die sich ruhig verhält, stören ihn kaum noch.

Dennoch bleibt es dabei: Vogelschutzbereiche dürfen keinesfalls betreten werden, da die gut getarnten Eier allzu leicht übersehen und zertreten werden. Außerdem kühlen sie schnell ab oder überhitzen, wenn der brütende Vogel sein Bodengelege verlässt.

Ausweitung der Schutzmaßnahmen
In den 1970er Jahren sahen wir uns gezwungen, in der Hauptbrutzeit auch während der Woche einen ehrenamtlichen Vogelschützer als Betreuer im Gebiet zu haben, der auch die Nacht auf dem Beobachtungsturm nahe dem Isarufer verbringen sollte. Eine dringende Pflegemaßnahme auf der Kolonie-Insel war, der zunehmenden Weidenverbuschung entgegenzuwirken, um dem Sicherheitsbedürfnis der Seeschwalben, die eine gute Rundumsicht brauchen, nachzukommen. Kleinere Weiden ließen sich im Winter aus dem schneefreien, gut durchfeuteten Boden direkt mit den Händen herausreißen, für die größeren kam uns ein Mitarbeiter der Vogelwarte Garmisch-Partenkirchen mit einem Hebelgerät zur Hilfe.

Nachdem der Ostarm der Insel immer schwächer geworden war und sich damit auch die Flussdynamik geändert hatte, gruben mehrere Vogelschützer im Frühling mit der Hand im trocken gefallenen Ostarm einen 20 m langen und 1 m breiten Kanal, in der Hoffnung, dass ein Hochwasserstoß diesen verbreitern und vertiefen würde. Leider hielt der Erfolg nur kurze Zeit an. Schließlich beantragten wir bei den zuständigen Behörden – zur größten Überraschung der Staatlichen Wasserwirtschaft ausgerechnet wir als Naturschützer – eine Genehmigung, den Einlauf in den Ostarm mit einem Bagger zu öffnen, die wir dann auch erhielten. (Bei einer regulären Abstimmung in der Kreisgruppe, wie sie später üblich wurde, hätte dieses Vorgehen sicher keine mehrheitliche Zustimmung gefunden.) Der im Osten die Kolonie-Insel umfließende Arm wurde so wieder zu einer klaren Grenze für das Betretungsverbot und bot ein geeignetes Nahrungsangebot für alle drei Bodenbrüter (Fluss-Seeschwalbe, Flussregenpfeifer, Flussuferläufer) .

Rückschläge

Ende der 1970er Jahre vergrößerte sich die Insel Richtung flussabwärts immer mehr und erhielt im Osten schließlich doch Landanschluss. Durch den unaufhaltsamen, dichter werdenden Bewuchs war es nun ein leichtes für die Rabenkrähen, den Seeschwalben ihre Eier zu klauen, so dass diese 1982 ihre Kolonie aufgeben mussten. Um 1980 begann der Niedergang der Seeschwalben-Kolonie. Bei der Bewachung unterhielt ich mich hie und da mit einer Frau, deren Körper die Ausmaße der Venus von Willendorf hatte. Insgeheim dachte ich, ob sie wohl einen geeigneten Fruchtbarkeitszauber für die Fluss-Seeschwalben wüsste … Um die gleiche Zeit hatte uns in einer wissenschaftlichen Veröffentlichung die Hiobsbotschaft erreicht, dass es in Bayern nicht einmal mehr 50 Brutpaare Fluss-Seeschwalben gäbe. Dies konnte für uns natürlich nur ein zusätzlicher Ansporn sein!

Flöße als Nisthilfen

Erstes, noch kleines Nistfloß 1983 am Ickinger Eisweiher mit einem Fluss-Seeschwalben-Brutpaar. © Heribert Zintl

Im nahen Ickinger Eisweiher verankerten wir ein kleines Floß als schwimmende Kiesinsel. Diese spezielle Nisthilfe war in der Schweiz am Altenrhein schon in den 1950er Jahren erfolgreich getestet worden. Die Zahl der Brutpaare sprang auf diesem kleinen Eisweiher-Floß von 1983 bis 1984 von einem auf zehn. In den 1990ern auf immer größeren Nachfolge-Flößen insgesamt schließlich auf 30.

Auch im Nachbarlandkreis am Starnberger See waren wir erfolgreich. Dort hatten wir 1987 im später „Geschützen Landschaftsbestandteil Bucht von St. Heinrich“ ein von unserer Isar-Flößerfamilie Angermeier gebautes Original-Isar-Baumstammfloß (18 m x 6,5 m) mit einer gut tischhohen Brutfläche ausgestattet. Auf dieser Brutfläche von 90 m² hatte sich schnell eine St.-Heinrich-Kolonie mit 40 bis 60 Brutpaaren gebildet, die größte in Bayern. Zusammen mit den Kolonien an der Mittleren Isar und an der Salzachmündung bildeten sie die Grundlage für das heiß ersehnte Wachstum der Fluss-Seeschwalben-Population.

Großfloß St. Heinrich: Adulte mit Küken: Füttern, Hacken auf nicht verwandte Küken; Unterstände für Küken. © Heribert Zintl

Großfloß St. Heinrich: Adulte Fluss-Seeschwalbe auf der Brutfläche. © Heribert Zintl

Erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit

Großfloß ab1991 in der Bucht von St. Heinrich/Starnberger See Neubau 2008 durch die Landesbund-für-Vogelschutz-Kreisgruppe STA. © Heribert Zintl

Unsere Rettungsaktionen wurden durch Presseartikel, Fernsehfilme, Veröffentlichungen in Fachzeitschriften, die Zusammenarbeit mit der Vogelwarte Radolfzell und durch meine Vorträge in Bayern und darüber hinaus immer bekannter und dienten als Vorbild für zahlreiche weitere Aktionen. Besonders in Kieswerken waren Flöße erfolgreich. Dort wurden auch kleine Kiesinseln für Seeschwalben reserviert. Aktionen am Ickinger Eisweiher und in der Bucht von St. Heinrich wurden wissenschaftlich begleitet, und zum Teil über ein Artenhilfsprogramm staatlich unterstützt.

Auch das große Engagement unserer Ehrenamtlichen hatte einen bedeutenden Anteil am Erfolg unserer Projekte wie bspw. das eines ehemaligen Kapitänsleutnants der Bundesmarine. In den 1980er und 90er Jahren brüllte er von der Kanzel in der Bucht von St. Heinrich als stünde er auf der Brücke seines Schiffes, sobald Angler illegal zum Schilfrand schlichen. Den Alarmstart der Seeschwalben von der Brutfläche des Riesenfloßes verglich er mit dem Alarmstart auf einem Flugzeugträger. Sein strenger Ton sollte aber nicht über sein weiches Herz hinwegtäuschen: Das Sterben der Küken als Folge der nasskalten „Schafskälte“ im Juni setzte ihm immer wieder zu. Dafür fand er jedes Mal herzerweichende Worte.

Großfloß St. Heinrich: Fluss-Seeschwalben-Gelege im Schutz eines Küken-Unterstands © Heribert Zintl

Großfloß ab 1991 in der Bucht von St. Heinrich/Starnberger See: Gedränge von gemeinsam brütenden Fluss-Seeschwalben und Lachmöwen. © Dr. Andrea Gehrold.

Weitere Rückschläge

Natürlich mussten wir immer wieder Rückschläge hinnehmen. Am Ickinger Eisweiher erlebten wir erstmals, dass Altvögel nicht-verwandte Küken, die in fremde Nestreviere geraten waren, tot hackten oder ins Wasser warfen. Diese sog. Fremdkükentötung wird wissenschaftlich erklärt mit der steigenden Aggressivität der Elternvögel im Nahrungsgebiet, die sich bei Verknappung der Nahrung in ihnen aufbaut. Biologisch sicher zweckmäßig, aber hart für ein Schützerherz! In einigen Jahren verzeichneten wir außerdem Verluste von Jungvögeln durch Habicht, Wanderfalke, Mittelmeermöwe und Eulenarten. Aus diesem Grund verließen Altvögel mehrmals die Kolonie und ließen Gelege und Küken zurück.

Renaturierungsmaßnahmen an der Isar, teils von den Naturschutzverbänden angestoßen, teils von den Behörden selbst entwickelt

Natürlicher Brutplatz der Fluss-Seeschwalbe 2016 auf einer Insel im Delta eines Flusses. © Dr. Michael Proske

Die Isar ist ein Fluss mit Kiesbank-Dynamik. Im Naturzustand treibt Hochwasser große Mengen Kies vor sich her, Kiesbänke und -inseln werden ab- und aufgebaut. Vermindert sich das Gefälle, entsteht ein Kiesbett mit sich verästelnden Flussarmen, in abgeschwächter Form bspw. noch in der Ascholdinger und Pupplinger Au zu beobachten. An den Geschiebesperren des Sylvensteinspeichers und an der Stauwurzel des Tölzer Stausees bleibt aber der Kies aus den Alpen seit etwa 1960 liegen. Kiesgeschiebemangel bei Hochwasser führt dazu, dass sich die Isar mit der Kraft des Hochwassers den Kies aus ihrem Bett erodiert: Sie tieft sich ein, Seitenarme, Inseln und Altwässer verschwinden. Kiesbänke und -inseln mit starkem Bewuchs werden kaum noch durch neue blanke und höher aufragende ersetzt. Fluss-Seeschwalbe und Flussregenpfeifer brauchen aber fast blanke Flächen, Fische brauchen Altwässer als Rückzuggebiet bei Hochwasser. Renaturierung bedeutet also in erster Linie „Kies in die Isar so viel als möglich“ (damals auch noch Verbesserung der Kläranlagen).

Die Forderungen, die 1970 in Geretsried auf dem Symposium „Isar 2000“ mit den Behörden vorgebracht worden waren, wurden ab Ende der 1980er Jahre zum großen Teil endlich erfüllt: eine Restwassermenge ab Krün, Kiesdotationen, Kiestrift durch den bei Hochwasser abgelassenen Tölzer Stau, Verbesserung dieses Verfahrens, Kiesmobilisierung an Wildbächen und an geeigneten Ufern, wo der Schutz gefahrlos beseitigt werden konnte, Verbesserung der Kläranlagen bis hin zur Hygienisierung mit UV-Strahlung (Schutz der Badenden vor Krankheitskeimen), außerdem der Einsatz von inzwischen vier Naturschutz-Rangern für die Überwachung und Informationsgespräche vor Ort sowie für Führungen und Pflegearbeiten. Die sehr wesentlichen Renaturierungsmaßnahmen waren nur wegen der guten Zusammenarbeit mit der Staatlichen Wasserwirtschaft und der Stadtwerke GmbH Bad Tölz möglich und standen dann später auch unter dem Druck die vorgeschriebenen Maßnahmenschritte der Europäischen Wasser-Rahmenrichtlinie erfüllen zu müssen.

Fischbiologische Studien belegten, dass der Fischbestand, wie erwartet, nur mehr in der Ascholdinger und Pupplinger Au einigermaßen in Ordnung sei, nämlich dort, wo die Isar einen vielfach verästelten und reich strukturierten Flusslauf mit unterschiedlichen Strömungen, Korngrößen und Treibholzhaufen zu bieten hat. Ein zu kleiner Fischbestand ist sicher auch der Grund dafür, dass seit einigen Jahren Gänsesäger-Weibchen mit ihren Jungen die Strecke zwischen Tölzer Kraftwerk und Tattenkofener Brücke weitgehend meiden.

Aktueller Stand

In Bayern erreichte die Fluss-Seeschwalbe 2016 wie schon in den Vorjahren einen Brutbestand von über 300 Paaren und gilt damit auf der Roten Liste Bayern 2016 formell als 3=„gefährdet“. Diese neuere, schwächere Einstufung darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie fast völlig auf künstliche Nistplätze angewiesen ist, die eine ständige aufwändige Betreuung durch Ehrenamtliche erfordern. Sie brütet bisher auch nur in Südbayern.

Ein Hoffnungsschimmer ist die neuerlich wieder stark in Gang gekommene Flussdynamik der Isar in der Pupplinger Au, verbunden mit einem reicheren Kleinfischaufkommen und größeren Mengen an Treibholz, teilweise als Folge der Tätigkeiten des Bibers. Es bestehen also wieder bessere Voraussetzungen für eine Rückkehr der Fluss-Seeschwalbe auf eine natürliche Insel in der „wilden“ Isar ins ehemalige Gebiet nahe der Loisachmündung. 2012 machte tatsächlich ein Pärchen einen Brutversuch. Das Gelege fiel aber anhaltend hohen Wasserständen zum Opfer. Wahrscheinlich hatte es sich hier um das Pärchen gehandelt, das sich auf dem Eisweiher-Floß als einzelnes nicht hatte gegen das dort brütende Mittelmeermöwen-Paar durchsetzen können. Der Zeitpunkt war günstig für ein Wiederbesiedlungsprojekt.

Amtliches Luftbild 2015 zeigt typische Flussarmverästelung, von Naturschützern erwünscht, von Flößern manchmal verwünscht. (Fließrichtung von rechts unten nach links oben) In der Fläche halblinks findet der mehrjährige Hotspot-Wiederbesiedlungsversuch statt.© LRA Tölz

Im Rahmen des Hot-Spot-Verbundprojekts des Bundesamts für Naturschutz wurde die Wiederbesiedlung in das Teilprojekt „Alpenflusslandschaften – Vielfalt leben von Ammersee bis Zugspitze“ aufgenommen und damit seine Finanzierung gesichert. Bisher machten wir in zwei von den fünf  geplanten Jahren Wiederansiedlungsversuche, deren Probleme hier nur kurz dargestellt werden können: Umsiedlungen werden nur äußerst selten durchgeführt. Mit Hilfe von Seeschwalben-Attrappen und Koloniegeschrei aus dem Lautsprecher werden die Seeschwalben einer nahe gelegenen Kolonie zu einem geeigneten Brutplatz bspw. zu einer blanken Insel gelockt. Seeschwalben-Attrappen und Koloniegeschrei konnten wir bieten, am nahen Eisweiher gab es aber keine funktionierende Kolonie mehr. Das dortige Floß war wegen morschen Holzes und der unerwünschten Mittelmeermöwen-Brut beseitigt worden. Dies könnte vielleicht für die alljährlich im Frühling vorbei schauenden Fluss-Seeschwalben auch ein Zwang sein, zur „wilden“ Isar weiter zu fliegen! Zusätzlich eine Floßattrappe auf einer Kiesbank zu verwenden, wurde uns in der gewünschten künstlichen Bauweise von der Wasserwirtschaft nicht genehmigt.

Eine ausreichend aufragende, verlockende kleine Kiesinsel mit guter Rundumsicht schuf die Isar in den letzten Jahren nicht. Eine Möglichkeit wäre, eine solche Aufschüttung künstlich mit einem Bagger zu schaffen, deren Finanzierung durch Hot-Spot gesichert wäre.Durch die Vergnügungsflößerei, die durch das „Fluss Seeschwalben-Erwartungsgebiet“ führt, ergeben sich auch Probleme. Nicht, dass sie die Seeschwalben ernstlich stören würde, aber sie braucht Flussarme, die geübte Flößer mit einem voll besetzten Floß noch sicher befahren können. Dazu sind nicht selten kurzfristige Eingriffe mit dem Bagger nötig. Die Baggerarbeiten der Flößer an der Isar stehen aber in der Kritik der Umweltverbände, die eine Änderung des behördlichen Genehmigungsverfahrens für Flößer anstreben. Das bisherige Kurzverfahren kam i. d. R. für die Vergnügungsflößerei zum Einsatz und soll in Zukunft mehr ökologische Belange auf längere Sicht berücksichtigen. Unter den beschriebenen Umständen wollten nicht auch wir noch mit Baggerwünschen für die Fluß-Seeschwalbe die Sachlage erschweren. So müssen wir damit noch warten bis ein neues Verfahren ausgearbeitet ist, voraussichtlich bis zur nächsten Floß-Saison.

Es geht weiter

Von derartigen Problemen lassen wir uns aber nicht von unserem Hotspot-Ziel „Fluss-Seeschwalbe – zurück am Fluss“ abbringen. Wenn schon keine neue Insel mit dem Bagger, dann wird eben ein Buckel auf der großen Kieshalbinsel, die der Ausläufer einer Rieseninsel ist, zur Anlockung der Fluss-Seeschwalbe mit der Hand aufgeworfen. Nach einem „Eulen-Fiasko“ 2016 auf dem Floß in der Bucht von St. Heinrich am Starnberger See sind erfahrungsgemäß nicht wenige Paare auf der Suche nach einem neuen Brutplatz. Werden sie die Kiesbänke an der „wilden“ Isar in der Pupplinger Au finden? An der Wiederansiedlung der Fluss-Seeschwalbe in Nordbayern wird von Einheimischen mit Hilfe von Flößen gearbeitet. Das Gesamt-Monitoring in Bayern hat inzwischen meine Wunschnachfolgerin Dr, Andrea Gehrold übernommen.

Kontakt:
Heribert Zintl
hezintl@freenet.de

Mehr zur Fluss-Seeschwalbe von Heribert Zintl:
Die Flussseeschwalbe Sterna hirundo in Bayern ab Mitte des 20. Jahrhunderts: Bestandsentwicklung, Schutzmaßnahmen und Bruterfolg. (Ornithologischen Anzeiger 55: 1–22)
Download des Artikels als PDF-Datei

Nächste Beobachtungsmöglichkeit der „Fliegenden Sterne“:

  • Binnenbecken Ammersee-Süd, am besten zu sehen vom Westdamm der neuen Ammer, ein Spektiv ist empfehlenswert.
  • Bucht von St. Heinrich (Nistfloß zwischen St. Heinrich und Seeshaupt), schlecht einzusehen, der Zugang in seine Nähe ist nicht öffentlich, aber am kleinen Badeplatz Seeshaupt fliegen die Fluss-Seeschwalben vorbei, auch rasten sie auf dem Geländer des Seglerstegs im Osten.
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