Die „Kajak-Verordnung“ für die Ammer – Ein mögliches Modell für einen umweltverträglichen Bootsverkehr auf sensiblen Fließgewässern

Die Bayerische Verfassung sichert in der sog. „Gemeingebrauchs-Regelung“ (Art. 141 Abs. 3) dem Bürger ausdrücklich den freien Zugang zur Natur und damit auch zu den Gewässern zu. Dieser schließt gleichzeitig auch einen uneingeschränkten Bootsbetrieb ein, sofern auf den Booten keine eigene „Triebkraft“ vorhanden ist. Unter bestimmten Bedingungen gibt es aber die Möglichkeit für weitere Beschränkungen: Wenn aus Gründen des Wohls der Allgemeinheit, der Ordnung des Wasserhaushalts, der Sicherstellung der Erholung oder des Schutzes der Natur geboten, kann die Ausübung des Gemeingebrauchs durch die Kreisverwaltungsbehörde geregelt, beschränkt oder gar verboten werden.

Massenbetrieb an der Ammerbrücke Rottenbuch

Massenbetrieb an der Ammerbrücke Rottenbuch

Bereits im Jahr 1985 kam die Anglergemeinschaft Lech-Ammer e.V., dessen Vorsitzender ich damals war, aufgrund entsprechender Beobachtungen an ihrer ca. 5 km langen Wildwasser-Pachtstrecke an der Ammer zu dem Ergebnis, „dass der Bootsbetrieb (mit Spitzenbelastungen von bis zu 250 Booten am Tag) mittlerweile ein unerträgliches Ausmaß erreicht hat und die Grenzen der Gemeinverträglichkeit längst erheblich überschritten sind“. Damals war schon allen klar, dass dies nur der Anfang einer Entwicklung war, die im Interesse der Ammer irgendwie aufgehalten werden musste. Über einen Zeitraum von 9 Jahren hat der Verein nach Dutzenden von Verhandlungsrunden, nach Abwicklung eines gewaltigen Schriftverkehrs und unter Beteiligung zahlreicher Behörden und weiterer relevanter Organisationen schließlich eine erste „Kajak-Verordnung über die Regelung des Gemeingebrauchs auf der Ammer“ beim Landratsamts Weilheim-Schongau durchsetzen können. Im Folgenden will ich kurz darstellen, welche Wege und Umwege wir nehmen mussten, um unserem Projekt „Schutz der Ammer“ zum Erfolg zu verhelfen. Ich stelle deshalb die Verordnung kurz vor und hoffe, mit meinem Beitrag auch Andere zu ermutigen, sich für den Erhalt unserer einzigartigen Flusslandschaften einzusetzen und dem ungebremsten Bootsverkehr einen Riegel vorzuschieben.

Unser Engagement startete mit einem Erfahrungsaustausch in Sachen Bootsbetrieb mit den anderen Fischereivereinen an der Ammer und einem ersten Schreiben an den Fachberater für Fischerei beim Bezirk Oberbayern, in dem wir die damalige kommerzielle Nutzung der Ammer durch die Firma Sport-Scheck beanstandeten. Wir hatten inzwischen Rechtsauskünfte eingeholt und dabei erfahren, dass gewerbliche Veranstaltungen nicht unter den Gemeingebrauch fallen, sie außerdem genehmigungspflichtig sind und durch das Landratsamt (LRA) untersagt werden können. Auf den ersten Antrag an das LRA folgten zahlreiche Besprechungen mit der Regierung von Oberbayern, dem Landesfischereiverband Bayern, der Fischereifachberatung und den Sachgebieten Wasserrecht und Naturschutz bei der Unteren Naturschutzbehörde (UNB) beim LRA sowie ein umfangreicher Schriftverkehr mit allen am Verfahren Beteiligten. Schließlich konnten wir die erste „Verordnung über die Regelung des Gemeingebrauchs von Fluss-km 169,09 (Auslaufbauwerk Kraftwerk Kammerl) bis Fluss-km 143,7 (Einmündung Eierbach) aufgrund des Bayerischen Wassergesetzes“ erwirken. Diese wurde allerdings wegen Beklagung (2 Normenkontrollverfahren vor dem Bayer. Verwaltungsgerichtshof) und wegen 7 ablehnender Petitionen (Petitionsausschuss beim Bayerischen Landtag) nicht vollzogen.

Kanuten am Ammerdurchbruch "Scheibum"

Kanuten am Ammerdurchbruch „Scheibum“

Dadurch ließen wir uns aber nicht von unserem Vorhaben abbringen und initiierten unter Beteiligung des Fischereiverbands Oberbayern und unserer unmittelbaren Nachbarvereine 4 Petitionen pro Verordnung. Es folgten dann wieder zahlreiche Verhandlungsrunden, bei denen nach und nach schon die meisten Einzelheiten für eine neue Verordnung beschlossen werden konnten. Zur Erzielung des Einvernehmens auch in den noch strittigen Punkten erteilte schließlich der Bayerische Landtag den entsprechenden Auftrag. So kam es im Beisein aller beteiligten Behörden und Interessengruppen einschließlich des Bayerischen Kanuverbands zu einer allerletzten Verhandlungsrunde. Moderiert von je einem CSU- und SPD- Abgeordneten des Bayerischen Landtags (und unter Beobachtung durch den Bayerischen Rundfunk) gelang es dann tatsächlich, Einigkeit in den noch offenen Fragen zu erzielen. Es handelte sich dabei um die Festlegung der für die Kajakfahrer erlaubten Ein- und Ausstiegsstellen und um die Bestimmung eines kritischen Pegelstands der Ammer, unter dem jeglicher Bootsverkehr untersagt ist. Die Verordnung trat schließlich nach fast zehn Jahren im April 1995 in Kraft.

An der damals beschlossenen Kajak-Verordnung mussten bis heute naturgemäß auch schon einige Änderungen vorgenommen werden. Dabei ging es meistens um die Anpassung des kritischen Pegelstands an festgestellte Änderungen am Flusslauf sowie um die Änderung von Bestimmungen wegen neuer Erkenntnisse und Erfahrungen. Leider wurden auch Manipulationen an den Pegeltafeln vorgenommen: Klopfte man deren Befestigungspfähle tiefer in den Grund, erschien entsprechend früher die Grün-Markierung und damit die selbst geschaffene „Erlaubnis“ zur Befahrung. Vor allem wegen der allzu häufigen Änderungen von Flussbreite und -tiefe nach Starkregen und Hochwasserereignissen empfahl das Wasserwirtschaftsamt schließlich die bisher wichtigste Änderung: Die Umstellung vom kritischen Pegelstand zu einem kritischen Abflusswert. Aktuell beinhaltet die Verordnung folgende Beschränkungen für Bootsverkehr und Kanuten:

  • saisonales Befahrungsverbot vom 15. Oktober bis 30. April
  • tageszeitliches Befahrungsverbot zwischen 17.30 und 09.00 Uhr
  • Fahrverbot bei einem Abflussmesswert unter 6 m3/s
  • Boote dürfen mit nur maximal 2 Personen besetzt sein
  • Anlandungen nur an 5 beschlossenen Ein-, Auslass- und Anlandungsstellen, ansonsten striktes Betretungsverbot von Inseln und Ufern
  • keine gewerblichen Fahrten, auch nicht zu Schulungszwecken oder Gruppenfahrten mit mehr als 5 Booten
  • Verbot von Rafting, Schlauchbooten und Floßfahrten, einzige Ausnahme: „Schlauch-Canadier“ sind erlaubt.,
Internationaler Besuch aus Tschechien am Kammerl

Internationaler Besuch aus Tschechien am Kammerl

Das Herzstück der Kanu-Verordnung ist die Abflussregelung. Durch die ständig verfügbare Auskunft über den gerade aktuellen Abflusswert via Internet und Telefon (früher „Pegeltelefon“) wurde diese Regelung zum Erfolg. Die Einzelheiten sind wie folgt geregelt und organisiert: Es gibt an den drei Bootseinlass-Stellen je einen abschließbaren Glaskasten mit einer roten und einer grünen Pappscheibe, im Sprachgebrauch die „Kajakampel“. Für jeden Kasten ist eine Person zuständig, die während der erlaubten Befahrungsmonate jeden Tag am zeitigen Morgen den Abfluss abfragt, sodann den zu betreuenden Kasten ansteuert, die entsprechende Scheibe aufhängt und damit die „Ampel“ einstellt: Grün für die Erlaubnis zum Fahren oder Rot für Befahrungsverbot. Die drei Personen erhalten dafür pro Saison je 300 Euro. Diese werden bestritten von der Vereinigung „Die Ammerfischer“, vom Bayer. Kanuverband und von einer auswärtigen Naturschutz-Organisation. In den Kästen sind auch der Verordnungstext und etwaige andere aktuelle Mitteilungen nachlesbar. Gottseidank handelte es sich (bis jetzt) um einen Einzelfall, als eines der Schlösser manipuliert und die Ampel verbotenerweise von Rot auf Grün umgestellt worden ist.

Die notwendigen Änderungen der Kajak-Verordnung wären nicht möglich ohne ein funktionierendes Organ, das sich kontinuierlich um die Lösung aller anstehenden Fragen kümmert. So hat sich aus den jahrelangen Bemühungen und Zusammenkünften für den Schutz der Ammer schon vor Jahren ein großes Dialogforum gebildet, in dem alle relevanten Gruppen vertreten sind: die zweimal im Jahr stattfindenden sogenannten „Ammerschluchtgespräche“ im Sitzungssaal des LRA in Weilheim. Sie dienen als Plattform für den konstruktiven Dialog und werden auch in Zukunft notwendige Aktualisierungen der Kajak-Verordnung, Naturschutz-Angelegenheiten an der Ammer und ähnliche Probleme auf ihrer Agenda haben.

Dank der Kajak-Verordnung und Dank der Einsicht der Führung des Bayerischen Kanuverbands, der sich nach anfänglicher Ablehnung aktiv an der Entwicklung und Umsetzung der Verordnung beteiligt hat, haben sich die Fischbestände in der Ammer deutlich erholt – zugegebenermaßen auch beeinflusst durch weitere Parameter. Der Bootsbetrieb ist bis heute um etwa zwei Drittel zurück gegangen und vor allem die Wintersperre von ca. 200 Tagen ermöglicht Äsche, Bachforelle, Regenbogenforelle und Huchen seitdem ein völlig ungestörtes Laichgeschäft. Dies ist von ganz besonderer Wichtigkeit, denn die natürliche Reprodukion ist um ein Vielfaches wertvoller als jegliche Besatzmaßnahme mit fremden Fischen! Durch unterschiedlich viele Tage ohne Bootsbetrieb im Sommer aufgrund von Schlechtwetter oder zu geringer Wasserführung erhöht sich die Zahl der Tage ohne Boote sogar noch um einiges mehr.

Auskunftstellen für die Wasserführung (= Abfluss) der Ammer:

  • Im Internet: www.kanu-bayern.de > Service > Pegel-Liste
  • im Internet: www.hnd-bayern.de > Auf der Bayern-Karte mit den grünen Punkten die Isar suchen, klick > auf der Isar-Karte die Ammer suchen und beim vorletzten grünen Punkt vor der Mündung in den Ammersee Peißenberg suchen, klick = Anzeige von Wasserstand und Abfluss
  • Google/Internet: „Wasserstands-Grafik Peißenberg/Ammer“ eingeben = Anzeige Wasserstand. Klick auf „Abfluss“ in der obersten Zeile = Anzeige Abfluss
  • Telefon: 01804-370037-357 = Ansage des Abflusses am Pegel Peißenberg.

Zum Download: Chronik der Kajak-Verordnung

In venGo sind weitere Beiträge von Armin Rempe über die Gemeingebrauchsregelung und die  Renaturierung der Ammer erschienen.

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