Die Scheere vom Ammersee

Von Triften und Flössen im Alpenvorland

Eine gigantische „ärarialiſche Ammertrifft“ für 100000 Zentner Holz segelt im Nachtwind über den Ammersee und galt als Attraktion weit über die Region hinaus.

Von der Ammer – Trift ſage ich Ihnen nur, daß die Holze aus den Ettaliſchen Waldungen, und theils aus jenen des Forſtamts Pflugdorf herabſchwimmen, auf dem Ammerſee in eine ſogenannte Scheere gefaßt, und auf ſelbe geladen werden, die mit Segeln verſehen, und zweckmäßig konſtruirt iſt. Wenn wir auf dem Wege nach Landsberg dieſen See auf der Nordſeite berühren: ſollen Sie den Bau dieſer Masſchine kennen lernen. – Die Triftung, welche im Jahre 1765 zum erſtenmale unternommen ward, ſetzt auf der untern Ammer bis Dachau fort, wo ein Holzgarten den angeſchwommenen Vorrath aufnimmt.

Riedl, Reiseatlas von Bajern, 1796

Genaueres über diese „Scheere“ erfahren wir in der Bayerischen Landbötin von 1839 durch einen fleißigen Leser, der die Nachricht leider zu spät eingesendet hat. Der Verlag hat die Nachricht dennoch für Erwähnenswert gehalten und veröffentlicht.

Einem Deiner fleißigen Leſer. Großer Triftholzfloß auf dem Ammerſee. Die

ärarialiſche Ammertrifft iſt merkwürdig durch die großen Flöße (Scheeren genannt), mittelſt welcher das Triftholz über den 4 Stunden langen Ammerſee transportirt wird. Auch heuer geht eine ſolche Trift; und die erſte Scheere mit 3000 Klafter Scheitholz beladen, iſt – bis zum 3. oder 4. Juli zur Abfahrt bereit– in der Nähe von Dieſſen zu ſehen. Wenn eine ſolche Holz-Scheere ſchon durch den Maſſengehalt und ihre Länge (750 Fuß) koloſſal und daher ſehenswerth erſcheint, ſo iſt ſelbe auch nicht unintereſſant durch die Art ihrer Conſtruirung. Intereſſant iſt übrigens auch das Segel- und Tauwerk, welches zur Ueberfahrt dient, die mit einer Laſt von mehr als 100,000 Zentnern ſchon einmal in 8 Stunden bewerkſtelligt wurde. Da zur oben benannten Zeit auch das Gerippe zur zweiten Scheere zu ſehen iſt, ſo mögen für denjenigen, den es intereſſirt, den vollſtändig ausgeladenen Triftfloß und überhaupt die ganze Manipulation zu ſehen, der 3. und 4. Juli die paſſendſten Täge ſeyn. Es müßte nur der Fall eintreten, daß eine ganz reine Witterung die Abfahrt in der Nacht vom 3. auf den 4. (denn nur in der Nacht tritt der hiezu günſtige Wind ein) bewerkſtelligen lieſſe. In dieſem Falle wäre natürlich am 4. der mehr erwähnte Floß bei Dießen nicht mehr, wohl aber in der Gegend von Utting ober Stegen zu ſehen. (Leider zu ſpät eingeſendet.)

Um Seen im Alpenvorland zu überqueren, hielt man das lose Holz mit Hilfe locker aneinander gefügter Stämme, so genannter Scheeren, zusammen. Es wurde mit Segelbooten über den See gezogen. Dabei nutzte man günstige Winde aus.

„Die Überfahrt geschieht beim Südwestwinde, welcher im Sommer des Nachts über herrschend ist. Deswegen wird mit jeder geladenen Schäre bei einer sternheitern Sommernacht gewöhnlich um elf bis zwölf Uhr abgefahren – und insofern der Wind stark und günstig ist – morgens zu Stegen am Ausfluss der Ammer aus dem See gelandet.“ (Weilheimer Oberförsters und Triftbeamte Wüstner)

Carl J. von Dazenhofen, Flößerei und Trift, 1980
Floss auf Traunsee, 1906 (Quelle Wikipedia)

Über den Vertrieb und Verkauf des so transportierten Holzes gibt der Flussneuigkeiten Artikel Landsberg, 10. September 1839 einen kleinen Einblick. Zu Zeiten ohne Radio und Internet aber bereits sehr effizienten Druckmedien waren Bekanntmachungen in Zeitungen und Anschlägen eine wichtige Form der Informationsverbreitung.

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