Es war eine unvergessliche Wanderung

Vom Held im historischen Reisebericht zum Kino Blockbuster im 20. Jahrhundert. Und Wasser ist im Spiel …

Literarische Betrachtungen zu Landschaften sind im 19. Jahrhundert meist in idyllischen Reiseberichten der „Grand Tour“ zu finden. Ganz besonders findet sich dies im Zusammenhang mit der deutschen Rheinromantik. Literarische Texte zu Flüssen mit Hochwasserereignissen sind dabei eher selten. Um so lesenswerter ist das Kapitel V: Hohe Flut in Meister Martin Hildebrand, in dem Wilhelm Heinrich Riehl, geboren am 6. Mai 1823 in Biebrich und gestorben am 16. November 1897 in München, den Meister Martin Hildebrand auf seiner Heimreise ein Rhein Hochwasser abenteuerlich beschreiben lässt.

„In der Brohl hatte ich ein kleines Kind gesehen, wie es, fest in die Wiege gebunden, vom Strom angespült wurde. Das Kind war tot, unversehrt, kaum merklich blaß und lächelte wie im Schlaf. Selbst die umstehenden Schiffer, steinharte Männer, vom Wetter und der Sonne braun geglüht, wurden weich bei diesem Anblick.“

W. H. Riehl, Meister Heinrich Hildebrand, 1847

Das Rheinhochwasser von 1882/83 hatte mit 10,52 m am Pegel Köln den höchsten Stand der Hochwasser im gesamten 19. Jahrhundert. Auch sein plötzliches Auftreten stellte die Bevölkerung vor große Herausforderungen. Im 19. Jahrhundert bekam das Thema Hochwasser am Rhein eine besondere politische Dimension, denn es war auch das Jahrhundert der Bezwingung der Natur durch eines der größten Bauprojekte in Deutschland schlechthin, die Begradigung des Rheins. Die Begradigung des Rheins war ein gigantisches gesellschaftliches Projekt, das mit dem Sieg des Menschen über die Natur 1882 fertig gestellt wurde. Die ökonomische Optimierung der Schifffahrt, die Landgewinnung und der Glaube, dass durch das schnelle Abfließen die Hochwasser Gefahr abnimmt, waren die gesellschaftlich diskutierten Triebkräfte für das Projekt. Eine Vielzahl von wissenschaftlichen Argumenten wie sie u.a. auch von Tulla hervorgebracht wurden, sind dabei in der zeitgenössischen Literatur der Eliten des 19. Jahrhundert zu finden (siehe hierzu den Artikel Gewässer in der Gewalt der Bewohner).

„Es war eine böse Zeit fürs Wandern. Der Rhein ging so hoch, daß kein Wagen mehr auf der Landstraße längs dem Ufer fahren konnte, und die Eisschollen trieben so wild in der übermächtigen Flut, daß sich auch kein Schiff auf den Strom wagte. Im Kölner Hafen stand das Wasser drei Fuß hoch in den Warenschuppen und war so plötzlich über Nacht zu der verderblichen Höhe gestiegen, daß ganze Schiffsladungen Oel und reiche Vorräte anderer Waren in den offenen Hallen vernichtet worden waren.“

W. H. Riehl, Meister Heinrich Hildebrand, 1847
Rheinhochwasser 1784 in Köln (Stich von Johann Baptist Bergmüller, der neben Groß St. Martin auch ein paar Augsburger Bauwerke platzierte, Quelle: Wikipedia)

Die literarische Beschreibung des Rheinhochwassers in Meister Martin Hildebrand hat viele Seiten. Sie kann auch als die Eröffnung eines neuen Abenteuer Genres, dem heroischen Sieg eine domestiziert wilden Einzelnen über die Natur aufgefasst werden. Der Kampf eines meist männlichen Helden gegen eine im Grunde bereits vergangene Wildnis. Denn die tatsächliche Bedrohung findet mehr und mehr nur noch in den Köpfen statt. Die technische Bändigung und Begradigung des Rhein war 1882 bereits im großen Stil abgeschlossen. Mit seinen „faustischen“ Anfängen im 18. Jahrhundert setzte sich diese neue literarische Dramatik im abenteuerlichen Kampf gegen die Natur jenseits einer nur romantischen Landschaftsbeschreibung fort und findet schließlich seine erfolgreiche Fortsetzung in den Film Medien des 20. Jahrhundert.

Spielfilme wie „Die Vögel“ von Alfred Hitchcock (Originaltitel: The Birds, aus dem Jahr 1963), welcher auf der gleichnamigen Kurzgeschichte des englischen Schriftstellerin Daphne du Maurier von 1952 basiert oder „Der Weiße Hai“ von Steven Spielberg, ein Thriller von 1975 (Originaltitel: Jaws, was mit „Kiefer“ oder „Maul“ für ein Raubtier übersetzt wird), sind hier zwei bemerkenswerte Beispiele.

Der „Der Weiße Hai“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Peter Benchley und geht auf einen tatsächlichen Vorfall zurück. Der Film bedient mit seinen 3 männlichen Helden Brody, Quint und Hooper im Kampf gegen den bösen, unberechenbaren Fisch den Wunsch vieler Menschen die Natur zu besiegen. Der Bedrohung harmloser Badegäste und dem bescheidenen wirtschaftlichen Erfolg eines friedlichen Ortes wird durch drei verwegene Helden auf einem einfachen Boot im Kampf bis auf den letzten Mann ein Ende gemacht. Sterben muss am Ende das Wilde, im Tier, aber auch im Menschen, denn der raue, unberechenbare Fischer Matt Hooper kehrt von seiner Mission auch nicht zurück, er verschwindet im Rachen des Hais.

„See it, before you go swimming.“

Zitat aus dem Trailer für die Filmankündigung „Der Weiße Hai“ von 1975

Der Film „Der Weiße Hai“ eröffnet die Blockbuster Kinokultur mit seinen Milliarden Umsätzen. Der Film „Die Vögel“ mit seinen unheimlich verwandelten Möwen am Bodega Bay in Kalifornien legt den Grundstein für den modernen Psycho-Thriller. Es ist die Natur, die unaussprechliche Angst macht, die Bedrohung schlechthin ist, aber über die der Mensch siegen kann, und damit Millionen fesselt und begeistert …

„Wo ich in ein Wirtshaus trat, da saßen die Leute zusammen und fragten mich aus, wie es weiter unten stehe, und kaum wollten sie mir’s glauben, daß ich den bösen Weg habe überwinden können, und prophezeiten mir immer, ich komme gewiß keine halbe Stunde mehr über das Dorf hinaus, und doch bin ich mit Gottes Hilfe stets weiter gedrungen.“

W. H. Riehl, Meister Heinrich Hildebrand, 1847

Wirtshausszenen in denen der Kampf der Gesellschaft gegen die Natur thematisiert wird, finden sich sowohl in Meister Martin Hildebrand als auch 100 Jahre später in die „Die Vögel“ und „Der Weisse Hai“.

„Vor Andernach kamen mir ein paar Bauersleute entgegen. »Ihr kommt keine Viertelstunde mehr vorwärts vor dem Wasser,« riefen sie, »kehrt doch um!« Ich aber war trotzig und dachte: Hab‘ ich heute schon so oft die Flut betrogen, dann werde ich es jetzt auch zum letzten mal können, und schritt mutig in die Nacht hinein.“

W. H. Riehl, Meister Heinrich Hildebrand, 1847

Auch ist gerne eine „hilflose“ Frau im Spiel. Bei Meister Martin Hildebrand eine Zigeunerin. Hier verkörpert diese Namenlose Frau mit ihren Rufen aus der Dunkelheit noch eine andere „Wildheit“, welche im Helden Meister Martin Hildebrand Zuneigung auslöst. Die Gesellschaft hat aber bereits ein anderes Urteil gesprochen, ist sich hier zweifellos einig, diese wilde Frau gehört nicht hier her. Es war nur eine Zigeunerin … wie die Natur.

„Da überlief es mich wie Todesangst, denn schon stieg mir das Wasser selbst auf der Mauer bis an die Füße heran. Ich begann eine Art Zwiesprache mit dem lieben Gott, worin ich ihm in Demut vorhielt, wie wenig geeignet gerade der gegenwärtige Zeitpunkt sei, mich von der Welt zu rufen. Und wenn er, der liebe Gott, mich so wunderbar bis zur Nette geführt, dann könne er mich doch wohl auch noch ein paar Stunden Wegs weiter auf den Westerwald führen, da es nicht abzusehen sei, warum ich gleichsam vor der Hausthür nun noch im Hochwasser ersaufen solle. »So ist die Zigeunerin ertrunken!« sprach ich endlich halblaut und kaum vermochte ich das Wort über die Lippen zu bringen.“

W. H. Riehl, Meister Heinrich Hildebrand, 1847

Wen das Wasser, die Natur nicht ertränkt, der ist gefährlich. Wer die Natur nicht besiegen will, gehört nicht hier her, soll verschwinden oder kann sich anderswo niederlassen.

»Wie? nur eine Zigeunerin war’s!« rief der Schiffer. »Und darum haben wir so lange gesucht? Das Gesindel kann ja gar nicht ersaufen. Werft eine Zigeunerin mitten in den Rhein, und wenn sie schon nicht schwimmen kann, ersäuft sie doch nicht. Daran erprobt man ja gerade die Hexen, daß das Wasser sie nicht verschlingen mag, damit es für sich nicht raube, was dem Feuer oder dem Strick gehört!« Und rasch wandte er den Kahn dem Lande zu. Das ist geschehen am 28. Februar 1781, und jedes Jahr hab‘ ich mir für diesen Tag ein Kreuzlein in den Kalender gemacht. Am anderen Tage ging ich bei Koblenz über den Rhein und erreichte die heimatlichen Berge.

W. H. Riehl, Meister Heinrich Hildebrand, 1847

Wasser ist in vielerlei Hinsicht auch der Stoff für Mythen und eine Allegorie für unbewusste Ängste. Siehe hierzu auch Mythen am Ammersee. Naturschutz und Naturliebe sind äußerst komplexe Prozesse in einer hochgradig „Natur“ sicheren Gesellschaft und können nicht nur aus der Sorge um eine bedrohte Umwelt erklärt werden. Es geht beim Überqueren der Straße nicht nur um den vom Auto bedrohten Frosch im nächtlichen Scheinwerferlicht. Mit der Auseinandersetzung um die Natur um uns und in uns findet immer auch eine ganz persönliche, ganz eigene Auseinandersetzung um Leben und Tod statt. Wo liegt die Grenze für wen? Wie viel Leben und Tod von mir ist außer mir? Fragen die über Artenvielfalt und Artenschutz weit hinaus gehen und früher oder später von jedem beantwortet werden müssen. Naturschutz hat insofern auch eine spirituelle Dimension, und das auch ganz ohne Gott.

Hochwasser, Flussbegradigungen, historische Reiseberichte, Kino Blockbuster, neue Helden in altem Gewand, … die Schwierigkeiten im Umgang mit der Natur hat viele Gesichter und verlangt einen umfassenden Blick.

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