Fischerei an Chiemsee und Alz sorgte für mehr Feuchtgebiete

Ein Eingriff mit unerwarteten Folgen.

Die Fischerei hat in Bayern eine lange Tradition, sie geht zurück bis in die Altsteinzeit vor ca. 70.000 Jahren. Funde von Angelhaken in der Donau bei Nersingen (Lkr. Neu-Ulm) und nahe Manching (Lkr. Pfaffenhoffen an der Ilm) aus der Jung- und Bronzezeit (ca. 4000 bis 850 v.Chr.) sind Zeugen einer alten Praxis, von der uns seit dem Mittelalter auch schriftliche Aufzeichnungen und Urkunden genauere Auskunft geben – über Fangmethoden- und geräte, Fischarten und Schonregelungen,1 kurz über die „Art und Weise zu fischen oder Fische zu fangen“.2 Besonders viel lässt sich über die Fischerei-Praxis aus den mit Ende des Mittelalters entstehenden sog. Fischereiordnungen erfahren, die dem Namen nach obrigkeitliche Regelungen und Anordnungen enthielten, die den Fischfang betrafen und vor allem eine Überfischung der Gewässer und andere Schäden durch Fischerei vorbeugen sollten.3 Hierzu zählten etwa Anweisungen zur zulässigen Fischgröße und Netzbeschaffenheit, zu Schonzeiten und -räumen sowie zu Fangmethoden.4 Solch einschlägige Regelungen erwiesen sich früh als notwendig, denn Fisch war begehrt, wie auch die Bemerkung des Reiseschriftstellers Alois Huber zeigt: „Fische werden sehr geliebt, kaum eine grosse Tafel wird gegeben, wohin nicht auch Fische kommen.“5 Selten durften die Fischer dabei etwas von ihrem Fang für sich selbst zurückbehalten, die für „eine grosse Tafel“ bestimmten Fische mussten sie sämtlich den geistlichen und weltlichen Herrschaften übergeben, in deren Dienst sie standen. Neben den Fischereiordnungen gab es dann auch offizielle Fischmeister, welche die Einhaltung der Regelungen und den Fischbestand eines Gewässers überwachten.6

Chiemsee im Abendlicht Copyright Andreas Struck

Die Fischerei hatte allerdings nicht nur Einfluss auf den Fischbestand, sondern wirkte sich auch weitreichend auf Gewässer und Uferbereiche aus. Die gut dokumentierte Geschichte der Chiemseefischerei zeigt, wie ein über Jahrhunderte praktizierter Fischfang sich direkt und indirekt, auf unvorhergesehene Weise, auf den Naturhaushalt des Chiemsees und seine Pflanzen- und Tierwelt auswirkte – in Form einer Absenkung des Wasserspiegels und des Trockenfallens größerer Gebiete. Die Vorgeschichte dieser ins späte 18. und frühe 19. Jahrhundert fallenden Begebenheit reicht zurück bis ins 15. Jahrhundert, als bei Seebruck, am Abfluss des Chiemsees in die Alz, eine große selbsttätige Fischfanganlage, ein sog. Werch, in Betrieb war. Diese ins Flussbett eingebaute und aus Flechtwerk bestehende Anlage passierten die Fische, v.a. Gratlinge, Mairenken, Perlfische und Nasen, auf ihren Laichwanderungen zu den Kiesbänken der Alz und gerieten dort in die aus Flechtwerk bestehenden Fangkammern, wo sie dann von den Fischern abgeschöpft werden konnten. Flussabwärts bis in die Einmündung der Alz in den Inn folgten zahlreiche weitere Fischzäune, Wehre und andere Fischfanganlagen, die für eine großflächige Verbauung der Alz sorgten. Damit sich Laich- und Wanderfische unter diesen Bedingungen überhaupt noch flussauf- und abwärts bewegen konnten und nicht sämtlich in die vielen Fangapparate gerieten, waren sog. Bannluken in den Verzäunungen vorgeschrieben, Öffnungen von einer genau definierten Größe, die in der Fischereiordnung des Chiemsees von 1448 und späteren Fassungen vermerkt waren. Trotz strenger Vorschriften im Hinblick auf die zulässige Beschaffenheit der Flussverbauungen kam es immer wieder zu missbräuchlichen Nutzungen, insbesondere des Werchs bei Seebruck, was den Fischbestand im Laufe der Zeit so stark dezimierte, dass sich der Betrieb des Werchs im 18. Jahrhunderts kaum mehr lohnte und 1771 schließlich aufgegeben wurde.7 Der Verfall der Fischfanganlage hatte allerdings ungeahnte Folgen für das Gebiet des Chiemsees. Durch die Vielzahl der Verbauungen von Seebruck bis zur Mündung der Alz in den Inn hatte sich die Abflussgeschwindigkeit der Alz im Laufe der Jahrhunderte stark vermindert und diese den Chiemsee flussabwärts angestaut. Mit dem Verfall der Anlage und einer sich dergestalt reduzierenden Anstauung begann der Wasserspiegel des Sees dann langsam, aber stetig zu sinken und größere Teile des Chiemsees, die zuvor mit Wasser bedeckt waren, fielen trocken, v.a. große Gebiete des Grabenstätter- oder Karpfenwinkels, des Feldwieserwinkels, der Chiemseemöser, des Irschener- und des Schafwaschener-Winkels sowie weitere Flächen rund um den übrigen Chiemsee.8 Zwar wurde eine erneute Einflechtung des Werchs von Seiten der „Churfürstlichen Fischeinigungs-Kommision“ in Auftrag gegeben, um den Ablauf des Chiemsees wieder zu verlangsamen, aber es lässt sich nicht mehr feststellen, ob dieser Anordnung Folge geleistet wurde. Als der Fischmeister vom Chiemsee 1802 und nochmals 1808 an seine vorgesetzte Dienststelle in Burghausen schrieb, klagte er jedenfalls über das fortdauernde Trockenfallen großer Flächen des Chiemsees, da der Fischerei auf diese Weise wichtige Laichgebiete, Plätze für Jungfische und Fangplätze verloren gingen. Und doch war das Absinken des Chiemsees nicht allen gleichermaßen unerwünscht. Was der Fischmeister offenbar nicht wusste: Von Seiten der Regierung Oberbayerns war zu diesem Zeitpunkt bereits gezielt eine Tieferlegung des Chiemsees beschlossen worden. Statt Versuchen, den alten, höheren Wasserspiegel des Chiemsees und mit ihm wertvolle Laichplätze und Fischgründe wieder zurückzugewinnen, wurde gerade die Entfernung der Verbauungen in der Alz angeordnet, um den Abfluss des Chiemsees zu beschleunigen und so die Landgewinnung voranzutreiben. In Regierungsentschließungen aus dem Jahr 1808 wurde nicht nur verfügt, „daß beim Ausfluß des Chiemsees bei Seebruck nicht nur kein Bandstecken geschlagen oder Flechtzäune gemacht werden indem hierdurch der Wasserspiegel des Sees […] vergrößert wird […]“9, sondern zudem „befohlen, auch die unterhalb Seebruck bis in die Alz geschlagene Stecken und Verzäunungen herauszureißen und so dem Alzfluß den gesperrten Rinnsal wieder zu öffnen.“10 Die Vermarktung der infolge der Absenkung trocken fallenden Chiemseegebiete als Nutzflächen begann 1825, die Erträge auf diesen Flächen blieben jedoch hinter den Erwartungen zurück. 1902-1904 wurde der Chiemsee dann, unter Protesten aus der Bevölkerung und trotz mahnender Worte von Fischereifachleuten, durch ‚Regulierungsarbeiten‘ am Alzablauf um weitere 0,60m abgesenkt, wodurch der Fischerei erneut wichtige Fanggebiete verloren gingen.11

Der Chiemsee mit Anreise von München in Riedls Reiseatlas von 1796

Am Beispiel der Chiemseefischerei wird deutlich, wie komplex das Zusammenspiel von Mensch und Natur sich gestaltet und dass es von konkurrierenden Nutzungsinteressen maßgeblich beeinflusst wird. Über die starke Verbauung der Alz griffen Fischer über Jahrhunderte massiv in deren natürliche Fließeigenschaften und den lokalen Fischbestand ein und veränderten so nicht nur den Naturhaushalt des Flusses, sondern auch des angrenzenden Chiemsees. Mit Entfernung der zahlreichen Fischzäune und -fanganlagen aufgrund neuer Nutzungsinteressen kehrte zwar die Alz in einen ursprünglicheren Zustand zurück, waren aber andere, gleichwohl negative Auswirkungen auf ein anderes Gewässer – den Chiemsee – verbunden: Mit der Absenkung des Wasserspiegels durch den schnelleren Abfluss der Alz erlitt die Tier- und Pflanzenwelt des Chiemsees infolge des Trockenfallens großer Seegebiete Schaden. War dies auf Seiten der Fischer unerwünscht, befürwortete und beschleunigte die Regierung den Absenkungsvorgang, um landwirtschaftlich nutzbare Flächen zu gewinnen. Unterschiedliche Nutzungsabsichten trafen an Chiemsee und Alz aufeinander, wobei wir heute sehen können, dass die Folgen eines jeden Eingriffs dort weitreichender waren, die Auswirkungen vielschichtiger als ursprünglich angenommen und vielleicht im Vorhinein absehbar. Umso mehr scheint es notwendig, die Folgen menschlicher Eingriffe nicht isoliert, sondern in ihren möglichen Verkettungen und Wechselwirkungen zu betrachten und zu bedenken, um ­ – wie im Fall der Fischerei an Alz und Chiemsee – neben Nutzungsansprüchen auch den dringend nötigen Schutz der Gewässer nicht aus dem Blick zu verlieren.

1 Cornelia Oelwein: Eintrag „Fischerei“, in: https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Fischerei (29.06.2020)

2 J.G. Krünitz: Oeconomische Encyclopädie oder allgemeines System der Land-, Haus- und Staats-Wirthschaft: in alphabetischer Ordnung. Berlin 1773-1858, Eintrag „Fisch“, unter: www.kruenitz1.uni-trier.de. (29.06.2020)

3 Cornelia Oelwein: Eintrag „Fischerei“, in: https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Fischerei (29.06.2020)

4 Ebd.

5 Alois Huber: München im Jahre 1819, München 1820, Seite 382.

6 Cornelia Oelwein: Eintrag „Fischerei“, in: https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Fischerei

7 Die Ausführungen beziehen sich auf Paul Höfling: Die Chiemsee-Fischerei. Beiträge zu ihrer Geschichte, Institut für Volkskunde München 1927, Seite 119-127.

8 Ebd.,127.

9 StA München Salinen Fasc. 1040 Nr. 229, zitiert nach Höfling: Chiemsee-Fischerei, 129.

10 StA München AR I. Fasc. 1126, Nr. 514, zitiert nach Höfling: Chiemsee-Fischerei, 129

11 Höfing: Chiemsee-Fischerei, 129.

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