Fluss und Aue gehören zusammen

Das Nahleauslassbauwerk – ein langer Name für ein besonderes, etwa 300 m langes Streichwehr am Leipziger Flüsschen Nahle

Das Nahleauslassbauwerk mit 16 Stahlschützenfeldern von je 8,5 m Breite an der Nahle kurz vor ihrer Einmündung in die Neue Luppe..

Das Nahleauslassbauwerk mit 16 Stahlschützenfeldern von je 8,5 m Breite an der Nahle kurz vor ihrer Einmündung in die Neue Luppe.

Dieses Bauwerk ist nach dem schweren Hochwasser im Sommer 1954 errichtet worden, um für weitere kritische Hochwasser die in Dämmen geführten Wassermassen wenigstens zu einem Teil in eine Reservefläche (Polder) des nordwestlichen Auwalds von Leipzig, besonders die Burgaue abfließen lassen zu können. Es geht um eine sogenannte Scheitelkappung, wobei diese Spitze des Hochwassers mit dem größtmöglichen Gesamtdurchfluss durch die hier nach Aufzweigung parallel verlaufenden Flüsse Weiße Elster, Nahle und Neue Luppe bei etwa 280 m³/s erreicht ist. Die beabsichtigte Entlastung der Dammanlagen und der flussab gelegenen Regionen wie Halle/Saale wurde aber für die dem Bau folgenden 55 Jahre nicht benötigt und das Wehr erstmals im Januar 2011 anfangs teilweise und dann komplett geöffnet. Auch beim Hochwasser 2013 wurden die Stahltore wieder geöffnet. Die lange Pause in ihrer Benutzung wurde zu einem Symbol für die berechtigten Zweifel an den in den letzten Jahrzehnten vorgenommenen Regulierungsmaßnahmen der Leipziger Fließgewässer. Allerdings hat die oben genannte Durchflussmenge einer Eintrittswahrscheinlichkeit von etwa 100 Jahren (HQ=100). Probleme in der Funktion der alten und unbeanspruchten Technik führten 2014 zu einem Neubau für 3,5 Mill. €. Die Bedenken von Naturschutzverbänden über den Sinn und besonders die Ausführung eines solchen Bauwerks wurden ignoriert. Die Stadt Leipzig ließ kritiklos das Projekt der Landestalsperrenverwaltung realisieren. Dabei hatten die Naturschutzverbände bereits seit Jahren eine dynamische, eben natürliche Wiedervernässung in der Nordwestaue Leipzigs, besonders der Burgaue, gefordert. Der Neubau des Nahleauslassbauwerks bot dafür sogar eine Möglichkeit durch eine einfache und wenig aufwändige Modifikation: Einige der insgesamt 16 Schützenfelder sollten ausreichend tiefer gesetzt werden, was jetzt nach der Fertigstellung nur sehr teuer realisierbar ist.

Das Streichwehr von der Waldseite. Voll geöffnete Schützen lassen das Wasser erst fließen, wenn es etwa 2 m unter der Dammkrone erreicht hat – kleine Hochwasser erreichen so nicht in die Burgaue. Der Quergang hat etwa das Niveau der Dammkrone.

Das Streichwehr von der Waldseite. Voll geöffnete Schützen lassen das Wasser erst fließen, wenn es etwa 2m unter der Dammkrone steht – kleine Hochwasser erreichen so nicht die Burgaue. Der Quergang hat etwa das Niveau der Dammkrone.

So gäbe es wieder die üblichen kleinen Frühjahrshoch-wasser und auch weitere im Jahresverlauf, die den noch als Auwald bezeichneten wieder zu einem solchen machen. Fauna und Flora können sich so wieder zu denen eines echten Auwaldes regenerieren. Auch die großen Hochwasser könnten dann im Poldergebiet weit weniger abrupt einlaufen, denn die Schützenfelder müssten nicht zu einem Zeitpunkt nahezu alle maximal geöffnet werden. Bei dieser unnatürlichen Flutung zerstören die kurzfristig einströmenden gewaltigen Wassermassen den Untergrund und die Pflanzen und bieten den fliehenden Tieren wenige Chancen. Einer auf den langsameren Zufluss eines normalen Hochwassers eingestellten Fauna und Flora würde mit dem langsamen Einfließen deutlich weniger Schäden beigefügt. Sie hätten Zeit zur Flucht, zum Rückzug bzw. nähmen mit dem langsam steigenden Wasserspiegel weniger Schaden.

Eine junge Gelbhalsmaus auf dem Damm. Dieser Kunstbau ist ein beliebter Lebensraum dieser Mausart.

Eine junge Gelbhalsmaus auf dem Damm. Dieser Kunstbau ist hier beliebter Lebensraum dieser Mausart.

Trotz der schweren hydrologischen Eingriffe in die ökologische Struktur eines alten Hartholzauwaldes und trotz der nur wenige hundert Meter entfernten, dichtbebauten Stadtlandschaft mit lautem Verkehrsrauschen erlebt man in der Burgaue immer noch einige sehr erhaltenswerte Eigenheiten. Am Wasser fliegen auffällig viele Gebänderte Prachtlibellen, über uns kreist ein Schwarzmilan, im Damm haben Mäuse ihre Gänge gegraben und hinter uns stehen Jahrhunderte alte Stieleichen. Hoffen wir, dass der nördliche Auwald Leipzigs bald die wichtigste seiner Existenzbedingungen erfüllt bekommt – die natürlichen Hochwasser.

 

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