Mythen am Ammersee

Unzählige Mythen, Sagen und Legenden ranken sich um jenes Element, das der griechische Philosoph Thales von Milet im 6. Jahrhundert v. Chr. als den Ursprung der Welt erachtete: das Wasser. Auch in den Schöpfungsgeschichten vieler Kulturen ist Wasser der Urstoff des Lebens und der Anfang aller Weltentstehung, dem neben der lebensbringenden aber immer auch eine zweite Seite zukam. Sowohl ein Zuwenig als auch ein Zuviel an Wasser – man denke an mangelndes Trinkwasser oder eine unzureichende Bewässerung der Anbauflächen und im Gegensatz dazu an Hochwasser, Überschwemmungen und Sturmfluten – konnte für den Menschen zur existenziellen Bedrohung werden.

Im Spiel der Wellen, Arnold Böcklin (Ausschnitt) 1883, Neue Pinakothek, München

Es wundert daher nicht, dass schon früh Versuche unternommen wurden, die Kraft des Wassers zu bändigen oder dessen Wirken doch zumindest begreifbarer zu machen. In der antiken griechischen und römischen Mythologie fand dies in einer spezifischen Naturvorstellung seinen Ausdruck. Die Natur, mithin auch das Wasser und unterschiedliche Gewässerformen, waren von Gottheiten und Geistern besiedelt, die als handelnde Wesen unmittelbar auf das menschliche Leben einwirkten. Der im Kontext des Wassers wohl bekannteste antike Gott ist sicherlich Neptun bzw. Poseidon, der Gott des Meeres, mit seinem Dreizack. Als zornig und streitsüchtig geltend wurde er für Wellen, Überschwemmungen und Erdbeben verantwortlich gemacht. Daneben besiedelten zahlreiche andere mythische Wassergeister, Nixen, Nymphen und Meerjungfrauen das Wasser und erschienen im Meer, in Seen, Flüssen und Quellen. Sie konnten als wohlmeinende und wohltätige Gottheiten auftreten oder als dem Menschen wenig wohlgesonnene Wasserwesen. Auch das Alpenvorland kennt Sagen und Legenden, in denen Nymphen und Wassergeister ihren Auftritt haben. Sie berichten von Skurrilem und Schaurigem, vor allem aber von übernatürlichen Phänomenen. Aufgrund ihrer Verknüpfung mit realen Orten und Ereignissen vermitteln Sagen auch dann ein wenig den Eindruck eines wahren Berichtes, wenn es um Wesen wie Geister, Feen oder Elfen geht. Zur Region um den Ammersee, einem der fünf größeren Seen des Alpenvorlandes, existiert etwa eine Sage, der zufolge dort einmal Meerfräulein gelebt haben sollen:

Poseidon mit Dreizack und Aphrodite Pelagia in einer großen Muschel gezogen durch zwei Pferde. Poseidon ist in der griechischen Mythologie der Gott des Meeres, Bruder des Zeus und eine der zwölf olympischen Gottheiten. Das Pferd ist ihm heilig, weshalb Hippios einer seiner Beinamen ist. Aphrodite Pelagia gilt als weibliche Beherrscherin der Meere und war für ihre Schönheit bekannt.

„Man war früher felsenfest davon überzeugt, dass der Ammersee irgendwie durch eine unterirdische Wasserader mit dem Meer verbunden sein müsse. Wie anders sei es sonst zu erklären, dass es im Ammersee Meerfräulein gebe, meinten die Leute. Diese Meerfräulein sind, laut Sage, besonders häufig im 19. Jahrhundert gesehen worden. Es sind zarte Geschöpfe mit langen Haaren und sehen bis zur Taille wie Frauen und von da abwärts wie große Fische aus. Sie sind gutmütig und freundlich und fügen den Menschen keinen Schaden zu. Des Nachts hat man sie oft vom See her seltsam, wenngleich wunderschöne Lieder singen hören. In der Herrschinger Gegend will eine Schulklasse am hellen Tag einmal solch ein Meerfräulein auf- und untertauchen gesehen haben.“1

Ganz anders und in schroffem Gegensatz zu einem von hübsch anzusehenden und anmutig singenden Meerfräulein geprägten Wasser gestaltet sich die Sage von einem bösen Wassergeist, die ebenfalls in der Region um den Ammersee angesiedelt ist. Die Sage vom Hakenmann:

„Im Bischofsrieder Bach, dort, wo er durch Dießen fließt, haust, so wussten noch vor einigen Jahren alte Bewohner des Ortes zu erzählen, der Hakenmann. Er ist, im Gegensatz zu den freundlichen Meerfräulein, ein ganz besonders böser Wassergeist. Mit einem langen dreizackartigen Stab gabelt er seine Opfer auf, zieht sie unter Wasser und ertränkt sie. Viele Menschen, besonders Kinder, sollen durch ihn schon den nassen Tod gefunden haben.“2

Beide Sagen gehen auf den Alltag und das Leben der Bewohner des Alpenvorlandes ein, berichten von lokalen Vorkommnissen, machen diese mithilfe übernatürlicher Wasserwesen zugänglich. Die in den Meerfrauen verkörperte positive und angenehme Seite des Wassers tritt ebenso zutage wie das im bösen Wassergeist verdichtete Gefühl von Not und Bedrohung, das mit dem Ertrinken von Mitgliedern einer Gemeinschaft verbunden war. Hier lassen sich auch andere Darstellungen aus der Region anknüpfen, die vor allem Geheimnisvolles und Unheimliches verhandeln. So etwa die Sage vom Taucher. In einer Version von 1855 wird erzählt:

„Einem Verbrecher versprach man das leben zu schenken, wenn er sich in einem Glassturz bis auf den Grund des Ammersees hinablassen würde. man ließ ihn tief hinab, bis das Seil nicht weiter reichte und zog ihn dann wieder heraus. er sagte aus, eine Stimme habe ihm zugerufen: ‚ergründst du mich, so schluck ich dich!‘ von nun an wurde alle Jahre am Ammersee eine heilige Messe gelesen, und ein goldener Ring hineingeworfen, damit er nicht auftrete und das Bayerland überschwemme.“3

‚ergründst du mich, so schluck ich dich!‘

Hier findet sich zunächst keinen Hinweis auf ein mythisches Wasserwesen, das auftritt und den Menschen am Ammersee die Warnung ausspricht, seine Natur nicht zu tief ergründen und begreifen zu wollen. Nimmt man aber andere Sagen aus der Region hinzu, lässt sich dieser Stimme vielleicht auch ein Sprecher bzw. ein passendes Wasserwesen zuordnen: „In einer alten Sage heißt es, dass auf dem Grund des Würmsees (Starnbergersee) eine riesige Schlange schlafe. Die Neugier ließ den Menschen am Ammersee nun keine Ruhe und sie versuchten zu erforschen, was sich in den Tiefen dieses Gewässers verberge. Niemand aber hatte den Mut, hinabzutauchen und nachzuschauen. Nun geschah es einmal vor langer Zeit, dass ein Mann durch eine ruchlose Tat sein Leben verwirkt hatte. Da stellte ihn der Richter vor die Wahl, sich entweder in einem Glassturz auf den Grund des Sees hinabzulassen und ihn zu erkunden oder aber sogleich den Tod durch den Strang zu sterben.“1

Andvari and the Rhinemaidens - Illustration von Harry George Theaker für "Children's Stories from the Northern Legends" von M. Dorothy Belgrave and Hilda Hart, 1920

Andvari and the Rhinemaidens – Bebilderung von Harry George Theaker für „Children’s Stories from the Northern Legends“ von M. Dorothy Belgrave and Hilda Hart, 1920

Auch in dieser Version wählt der Mann den Tauchgang und hört eine „grauenerregende Stimme, die drohend grollte: ‚Ergründst du mich, so verschling ich dich.‘“2 Nicht auszuschließen, dass auch hier ein übernatürliches Wesen – in diesem Fall eine gigantische Schlange – für die Urgewalt des Wassers steht, die durch Opfergaben und heilige Messen besänftigt werden muss, um Hochwasser und Überschwemmungen zu verhindern.

Eines wird sehr deutlich: In Erzählungen versucht der Mensch seit jeher, einen Umgang mit ganz unterschiedlichen Naturphänomenen zu finden und sich diese begreifbar zu machen. Mittels übernatürlicher, mythischer Wasserwesen wurden Erfahrungen rund um das Element Wasser aussprech- und damit zumindest ein Stück weit „beherrschbar“. Das Wasser, das Segen und Fluch zugleich war, ließ sich auf diese Weise in seiner Dynamik bewältigen und konnte so besser in das menschliche Leben integriert werden.

1) „Die Meerfräulein im Ammersee“, in: Sagen und Legenden um Fünfseenland und Wolfratshausen, gesammelt und neu erzählt von Gisela Schinzel-Penth, 3. Auflage, München 2017, S. 95.

2) „Der Hakenmann“, in: Sagen und Legenden um Fünfseenland und Wolfratshausen, gesammelt und neu erzählt von Gisela Schinzel-Penth, 3. Auflage, München 2017, S. 146.

3) Friedrich Panzer: Bayerische Sagen und Bräuche. Beitrag zur Deutschen Mythologie, 2. Band, München 1855, Seite 237. URL: http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb11256366-7 (18.02.20)

4) „Der Taucher im Ammersee“, in: Sagen und Legenden um Fünfseenland und Wolfratshausen, gesammelt und neu erzählt von Gisela Schinzel-Penth, 3. Auflage, München 2017, Seiten 101-104, 101.

5) Ebd., Seite 103.

Bildquellen (Gemeinfrei):

http://www.germanicmythology.com/works/THEAKERART1920.html, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=33448574 (13.02.2020)
https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=32810223 (13.02.2020)
https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=57127971 (13.02.2020)

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (Bisher nicht bewertet)
Loading...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.