Gewässer in der Gewalt der Bewohner

Ἄνθρωπος μέτρον ἁπάντων.

„Der Mensch ist das Maß aller Dinge.“

Dieser bis heute häufig zitierte Satz geht auf den griechischen Sophisten Protahogoras zurück. Platon bezog sich auf Protahgoras in seiner Erkenntnistheorie. Hier wollen wir „alle Dinge“ einfach mal ersetzen mit „für die Natur“ und damit den Menschen zum Maß für die Natur machen. Er bestimmt damit, was gut und was schlecht, was recht und was unrecht ist im Umgang mit der Natur. Der Wert der Natur wird dann allein durch den Menschen bestimmt. Ist es wirklich so? Oder fehlt der objektiven, wissenschaftlich rationalen Weltsicht der andere Blick? Alles logisch? 1750 ist hier ein Wendepunkt der viel früher begann. In diesem Artikel verlassen wir kurz den voralpinen Raum und verfolgen den tollkühnen Blick eines Ingenieurs mit Systemdenken. Ein bisher ökonomisch erfolgreiches Systemdenken, das für ein Deutschland und ein Europa steht, in dem wir uns bis heute fest verankert in optimierten Flüssen wiederfinden.

Die Begradigung des Rheins: Der Durchstich am Kühkopf (1829). Ein im Vergleich zum Flussbett schmaler Abkürzungs-Kanal wurde gegraben. Die übrige „Arbeit“ zur Verbreiterung übernahm der Fluss selbst. Das war die angewandte Methode für alle Mäander Durchstiche. Heute nimmt der Rhein nur noch diese Abkürzung, durch die inzwischen fast vollständig verlandete Schleife fließt nur noch ein kleiner Teil des Wassers (siehe Karte unten). Bildquelle: Wikipedia

Johann Gottfried Tulla (* 20. März 1770 in Karlsruhe und † 27. März 1828 in Paris) war ein badischer Ingenieur mit Wurzeln in Holland, dem Land, das mit der Eroberung der Meere seinen Boden gewann. Tulla war der geistige Vater für die Rheinbegradigung im großen 19. Jahrhundert. Er bereitete das bis dahin größte Bauvorhaben Deutschlands vor, die Rektifikation des Rheins. Tulla bestimmte das menschliche Maß der Natur neu. In seiner Denkschrift von 1822 zur Begradigung des Rheins findet sich der entsprechende Zeitgeist in klaren Worten wieder. Gute Flüsse sind Kanäle.

„In der Regel sollten in kultivirten Ländern, die Bäche, Flüsse und Ströme, – Kanäle – seyn, und die Leitung der Gewässer in der Gewalt der Bewohner stehen.“


Denkschrift von J. G. Tulla. 1822

Tulla sieht zwar die großen Zusammenhänge der Natur. Er schreibt in seiner Einleitung:

„Eine besondere Einwirkung auf das Clima, und die Fruchtbarkeit eines Landes, haben die Waldungen und die Quellen, und die durch die Vereinigungen dieser und die Zusammenflüsse der auf der Oberfläche sich sammelnden Regen- Schnee- und Eis-Wasser sich bildenden Bäche, Flüsse und Ströme.“

und weiter:

„Eine sterile Oberfläche bleibt ohne Verwitterung und ohne Anschwemmungen steril.“

Er erkennt durchaus die Grundsätze eines Ökosystems. Doch schon sehr bald wird klar, worum es ihm geht. Eine Optimierung der Natur zum ökonomischen Nutzen der Gesellschaft. Dabei denkt er im ganz großen Stil. Das ist das neue ab 1750. Tulla wird zum Urheber der Begradigung des gesamten Rheins, welche in den Jahren zwischen 1817 und 1882 in dem bis dahin größten Bauvorhaben durchgeführt wird.

„Eine planmäßige Forstkultur und Entwässerungs- und Bewässerungs-Einrichtung, berechnet auf Gestaltung und Beschaffenheit der Oberfläche eines Landes, und seine Lage, Höhe über der Meeresfläche und Entfernung von Aequator, sind die Grundlagen zur Erhaltung der Fruchtbarkeit eines Landes. „

Durch das Durchstechen der vielen Rhein Mäander verkürzte sich die Strecke zwischen Basel und Bingen um 81 km. Eine optimierte Transportroute für Güter entstand, die auch in der geraden Linienführung ganz dem Geschmack der Zeit entsprach. Der Plan zur Rektifikation des Rheins war auch in Bezug auf die Vertiefung des Flussbetts zunächst erfolgreich. Der Wasserspiegel sank, die Flussauen konnten landwirtschaftlich nutzbar gemacht werden und der Oberrhein war fürs Erste von Hochwasser verschont.

Widerstand war zwecklos, das Bauvorhaben wurde mit Militär und in Massen organisierter Arbeitskraft vorangetrieben. Und das Bauvorhaben war von Anfang nur sinnvoll, wenn es als Ganzes betrachtet wird. Tulla geht in seiner Denkschrift mehrmals darauf ein. Einzelne, nicht im großen Stil koordinierte Schritte sind sinnlos und kosten am Ende mehr als sie Nutzen bringen. Der Rhein muss als Ganzes begradigt werden.

Es bedarf keines Beweises daß ein Strombau, welcher sich nur auf die Vertheidigung einzelner Stellen, die Abhaltung der Angriffe ohne Hebung der Ursachen beschränkt, und bei welchem kein allgemeiner Operations-Plan befolgt wird, keine Verbesserung des ganzen Stromlaufs bewirken, sondern nur einzelne Vortheile gewähren könne.

Durch einem kollektiven Ansatz wird es am Ende auch für die einzelnen Anrainer günstiger.

Ob es nicht vorteilhafter und zweckmäßiger für die Uferstaaten und Uferbewohner seyn würde, noch größere Summen als bisher, zu einem gemeinschaftlichen Zweck zu verwenden, und den Rhein nach und nach in ein ungetheiltes gerades, oder wo dieses nicht möglich ist, sanft gekrümmtes Bett zu zwingen und für immer in diesem Lauf zu erhalten?

Und einmal richtig gemacht, hält es für die Ewigkeit.

Bey einer vollkommenen Rectification hingegen wird der Rhein nach und nach in ein ungetheiltes gerades oder sanft gekrümmtes Bett gezwungen, und in diesem Bett für immer erhalten.

Der Rhein bei Mannheim mit seinen vielen Mäandern und Nebenflüssen um 1850 (Bildquelle: Wikipedia

Die Rheinbegradigung als größtes deutsches Bauprojekt ist aus technischer Sicht ein Erfolgsprojekt. Die Denkschrift Tullas baut auf wissenschaftlichen Argumenten systematisch auf und macht die Natur zum Untertan des Menschen. Der Rhein war in der „Gewalt der Bewohner“, der Handel über den Schiffsverkehr wurde effizienter und sicherer.

Doch Ende November 1882 erreichte der Rhein die höchsten Wasserstände des 19. Jahrhunderts. Und so schnell das Wasser stieg ist es auch wieder gefallen. Ein Rätsel? Davon in einem anderen Artikel.

Isar und Lech ergingen einem ähnlichen Schicksal, wenn auch die Schiffbarmachung hier nicht im Vordergrund stand. Siehe hierzu die Artikel Die Eroberung der Natur und Floßfahrt von Füssen nach Lechbruck um 1850

Literatur und Quellen:

David Blackbourn: Die Eroberung der Natur. Eine Geschichte der deutschen Landschaft (Originaltitel: The Conquest of Nature. Water, Landscape and the Making of Modern Germany. New York, NY / London 2006.

Johann Gottfried Tulla, Der Rhein von Basel bis Mannheim mit Begründung der Nothwendigkeit, diesen Strom zu regulieren, Karlsruhe, 1822.

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