Land unter, dort oben …

Die Natur und und die Flüsse zu beherrschen ist ein seit Jahrtausenden bestehender Wunsch vieler Menschen. Als sich spätestens im Laufe des 19. Jahrhunderts die technischen Möglichkeiten hierfür ergaben wurden diese sofort genutzt (siehe hierzu auch die Artikel Gewässer in der Gewalt der Bewohner und Flüsse auf Normalbreite). Flüsse wurden im großen Stil begradigt, in Fundamente gesperrt und auf alle möglichen vorstellbare weißen dem Menschen dienlicher gemacht. Dabei wurde ihnen vor allem der notwendige „Lebensraum“ genommen. Ein Landerfolg mit Konsequenzen.

Dammbruch an der Isar, Frauenhoferstraße in München, 1899

So berichtet der Rosenheimer Anzeiger im September des Jahres 1899 beinahe täglich über die Folgen eines verheerendes Hochwasser im bayerischen Oberland sowie den angrenzenden Landstrichen. Nachdem in den ersten Tage hauptsächlich einige ländliche Gemeinden im Überschwemmungsbereich zu klagen hatten, war es jetzt die Stadt Rosenheim.

Eine Kataſtrophe iſt über die Stadt Roſenheim hereingebrochen, welche noch lange Zeit in ſehr empfindſamer Weiſe nachklingen dürfte. Als geſtern Nachmittags 4 Uhr der Dammbruch eingetreten, befürchtete man das Eindringen der Hochwaſſerfluthen in die Stadt. Kurz nach 5 Uhr ſchon ſind gewaltige Wasserwogen von der Richtung Fürſtätt kommend hereingebrochen. In einer außerordentlichen Geſchwindigkeit ſind die Wſſermaſſen über die Waſchanſtalt, dem Bahnhofe, in der ganzen Ausdehnung, der Bahnhof- und Papinstraße, der Münchnerstraße bis zum Forſtamte eingedrungen und bahnten ſich den Weg [weiter in die Stadt].

Was geschehen ist, wird schnell klar: Die Stadt Rosenheim verfügte zwar über einen modernen Damm aber natürliche Auen, in welchen sich das Wasser hätte sammeln können, waren im stadtnahen Gebiet nicht mehr ausreichend vorhanden. Als der Damm den Wassermassen nachgab war die Stadt Rosenheim den massiven und vor allem schnellen Wassermassen ausgesetzt.

Auch die Königliche Haupt- und Residenzstadt München blieb keineswegs verschont. Häuser wurden überflutet, Brücken stürzten ein und Ufermauern gaben dem steigenden Druck nach. Wie die städtische Allgemeine Zeitung berichtete.

Das Steigen der Iſar hielt auch den ganzen heutigen Nachmittag noch an, nachdem ein am Vormittag […] niedergegangener Wolkenbruch die Waſſermaſſen vermehrt hatte, die im Laufe des Nachmittags nach München kamen, auf ihrem Wege alles mit ſich reißend, was ihnen im Wege Stand.

Natürlich ist die Ursache für die beschriebenen Geschehnisse nicht allein am menschlichen Eingriff in die Natur zu suchen, auch ein heißer Sommer, wodurch der Boden sehr trocken und Wasser gegenüber kaum Aufnahmefähig war, tat sein übriges. Aber völlig von der Hand zu weißen ist ein Zusammenhang keineswegs.
Dass es noch einige Zeit brauchen würde die richtigen Folgerungen aus der Katastrophe zu ziehen zeigt die danach getroffene Entscheidung im schwer angeschlagenen München die Uferanlagen neu zu errichten und die Isar weiter zu regulieren, anstatt ihr die von Flüssen benötigten Freiräume zu geben.

Doch auch die damalige Bevölkerung fand durchaus schon gefallen an der wilden Natur, so schreibt die Allgemeine Zeitung weiter:

Die Isar bietet in ihrem Laufe von der Ludwigsbrücke aus geſehen einen ſchaurig schönen Anblick, allein das Unheil, das dieſer ſonſt meiſt ſo ſittſame […] Sohn der Berge mit ſich bringt, lässt sich zur Zeit nicht überſehen.

So bleibt es dabei dass die wilde Natur zwar bewundert wird aber, zumindest nach den Augen der Zeitgenossen, dennoch weiterhin reguliert werden muss. Später kamen auch verstärkt die Interessen der Energiegewinnung hinzu.
Doch mit der Zeit geht es zumindest in kleinen Schritten wieder voran. So erhielt etwa die Isar in einem Abschnitt bei München ab dem Jahr 2000 zumindest stückweise eine naturnah Uferzone zurück.

Quellen:

Bild: St. Maximilian Pfarrkirche

Rosenheimer Anzeiger Nr. 210, 16.09.1899

Zweites Morgenblatt Nr. 255 der Allgemeinen Zeitung, 14.09.1899

Der Isarplan

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