Floßfahrt von Füssen nach Lechbruck um 1850.

Über die Nutzung von Flüssen zum Transport von Waren werden wir hier noch öfters lesen. Hier ein kleine Randbemerkung von einer gewerblichen Nutzung, welche heute sicher noch viele Anhänger finden würde und findet, wo möglich.

In einem Reiseführer aus der Mitte des 19. Jahrhunderts fand ich einen interessanten Eintrag. Es wird den Touristen die nach Füssen kommen als lohnender Ausflug eine Floßfahrt auf dem Lech nach Lechbruck vorgeschlagen. Unvorstellbar, wer heute die Landschaft mit Stauseen und Talsperren kennt.

Floßbindeplatz in Lechbruck, um 1900 (Bild Flössermuseum Lechbruck)

Zunächst wird ein Besuch im Schloß Hohenschwangau in allen Details mit Räumen und Bildern erklärt. Die Megatouristen Attraktion Schloss Neuschwanstein wurde erst 1869 erbaut und findet hier noch keine Erwähnung. Da heißt es beim Betreten des Schlosshofes von Hohenschwangau:

„Eine Madonna über dem Hofbrunnen von Glink ist als
ein Ideal mütterlicher Milde und englischer Reinheit anerkannt,
und die freundliche Inschrift am Eingange der Halle ladet die
Besucher ein: aller Sorgen, aller Prosa des Lebens entlastet,
sich den reinen Genüssen der Poésie und grosser historischer
Erinnerungen hinzugeben. Durch die Ritterhalle in das Schloss
eingetreten, zeigt sich dem überraschten Besucher folgender
Bilderschmuck der Säle und Zimmer …“

Es werden sehr detailliert Räume, Bilder und Künstler genannt. Und sie sind noch heute so zu sehen.

Später wird dann zur Jugend (ein Aussichtspunkt, der auch heute noch so heißt) hochgestiegen und die sagenhaft schöne Landschaft beschrieben. Bei den lohnenden Ausflügen heißt es dann

„Sehr lohnend ist der bequeme Steig auf den Schwarzen-
berg mit herrlicher Aussicht; reich an Abwechslung eine
Flossfahrt von Füssen nach Lechbruck
. Schöne Fernsicht
und ein herrliches Gebirgspanorama zeigt die später noch er
wähnt werdende Ruine von Freiberg, – Eisenberg, dann der
Auerberg. Freunden von Alpenparthien ist der Degelberg-
grat zu empfehlen, welche selbst Damen, Schwindelbehaftete
und minderkräftige Personen leicht in 2 Stunden ersteigen,
während schon rüstige Bergsteiger dazu gehören, um den
Branterschroffen oder gar den Säuling zu erklimmen und noch
mehr, um wieder herab zu kommen!“

Füssen 1825, Zeichnung von Johann Baptist Bührlen, Stadtarchiv Füssen.
Im Vorder- und Hintergrund je ein Floß.

Reich an Abwechslung eine Flossfahrt von Füssen nach Lechbruck“ für Touristen die um 1850 nach Füssen kamen. In einer herrlichen Landschaft, gesehen vom Degelberggrat …, welche selbst Damen, Schwindelbehaftete und minderkräftige Personen leicht in 2 Stunden ersteigen, einer Landschaft ohne Schloss Neuschwanstein und ohne Forggensee, wie darf man sich das vorstellen? Der Lech tritt durch den engen, tosenden Mangfall aus den Alpen heraus, verbreitet sich zu einem spektakulären breiten Wildfluss mit Furkationen und Mäandern, kleinen Seen und Mooren, kultivierten Wiesen und Wäldern, um sich dann bei Rosshaupten wieder zu verengen. Er fliest tief dann tief unten in einer Schlucht schnell bis zur Einmündung des Halbleches um dann bei Prem und Lechbruck wieder ganz in die Breite zu gehen.

Die Bilder und Räume im Schloss Hohenschwangau sind im Grunde noch heute so zu sehen. Es ist Kulturgut das aufwendig erhalten wurde, aber die Landschaft ist eine ganz andere geworden. Der Forggensee als Kulturlanschaft mag inzwischen den Einheimischen und Touristen gefallen. Dies auch wenn der winterliche Niedrigwasserstand mehr ein verkarstetes Bild zeigt. Doch die Szenerie war 1850 eine vollkommen andere, und offensichtlich auch schon sehr attraktiv für Touristen und weniger bedrohlich, als oft und gerne dargestellt.

Ich möchte mit diesem Artikel über eine verlorene Wildflusslandschaft zum weiteren nachdenken anregen. Hier vor allem wie und warum wir hier so unterschiedlich etwas bewerten. Wäre das Kulturgut Schloss Hohenschwangau oder gar Schloss Neuschwanstein geflutet worden? Ich glaube nicht. Ein Naturgut war zu gerne etwas, was man mit Macht ergreift und bekämpft, auch wenn deren Herstellung viele Hundert Jahre gedauert hat und meist nicht wiederholbar ist. Kultur – Wert ist nicht gleich Natur – Wert. Was der Mensch hat erschaffen, ist Mehr – Wert als was die Natur hier schafft. Selbst wenn die wirklichen Herstellungskosten vergleichbar wären, es ändert nichts an der Bewertung. (Siehe hierzu auch den Artikel Geldwert – Alte Tanne) Die Bekämpfung der Natur und der daraus folgenden Natürlichkeit gehört zum Selbstverständnis der Gesellschaft bis heute, davon müssen wir wegkommen, denn wir sind auch Natur.

Abschließend noch ein kurzer geschichtlicher Abriss dieser machtvollen Änderung einer Fluss-Landschaft. Das dabei gerade während der NS Zeit mit dem systematischen verbauen des Lechs begonnen wurde, spricht für sich.

Die Geschichte der Macht über eine lohnenswerte Wildfluss – Landschaft
1898 kaufte die Firma Siemens & Halske erste Grundstücke im Bereich des Lechdurchbruchs bei Roßhaupten und erhielt eine Konzession zum Bau einer Wasserkraftanlage, die allerdings 1907 wieder erlosch. Im Jahr 1910 veröffentlichte die Königliche Oberste Baubehörde eine Denkschrift über die Ausnutzung der Wasserkräfte am Lech. Ein Entwurf von 1936/37 sah ein Stauziel von 784,00 Meter über Normalnull und eine Betonmauer mit eingebauten Kraftwerk vor. Aufgrund des Kriegsbeginns wurden die Arbeiten an der Forggensee Talsperre wieder zurückgestellt.
Während der NS Herrschaft wurde der Ausbau des Lechs massiv vorangetrieben. Das Bayerische Innenministerium beschloss 1939 die Nutzung der Wasserkraft am oberen Lech und es sollten bis zum Jahr 1942 zwanzig Laufwasserkraftwerke nach der Kraftwerksbauweise Arno Fischer errichtet werden. Die 1940 hierfür gegründete Bayerischen Wasserkraftwerke AG (Bawag) begann 1940 mit dem Bau von sechs Staustufen. Die Stufen 11, 12, 13 und 15 gingen 1943 ans Netz. Die Stufe 14 ging zusammen mit der Stufe 9 dann 1944 ans Netz. Das Investitionsvolumen war bereits mit rund 75 Millionen Reichsmark auf das Dreifache der von Arno Fischer ursprünglich kalkulierten Summe gestiegen. Nach Kriegsende wurden drei weitere Staustufen nach der Bauweise Arno Fischer in Betrieb genommen: Stufe 8 (1947), Stufe 10 (1948), Stufe 7 (1950).

Der Bau der Forggensee Talsperre begann Anfang 1951. Mit dem unmittelbar darauf folgenden Bau der Staustufe Horn (1951–1952) und der Staustufe 2 in Prem (1970–1972) war der Flusslauf des Lechs endgültig über weite Strecke und gravierend zwischen Füssen und Lechbruck ein ganz anderer geworden. Die Wildflusslandschaft zu durchfahren auf einer lohnenswerten Floßfahrt durch eine abwechslungsreiche Landschaft ohne Motorkraft war nicht mehr möglich.

Dieser relativ späte Verbau einer Wildflusslandschaft wurde erst in den 50er Jahren des 20 Jahrhunderts abgeschlossen. In einer Zeit, in der auch die Flurbereinigung mit seinen Wurzeln in der NS Zeit seinen systematischen Anfang nahm.

Ein wichtiges Argument für den Forggensee Staudamm war der Hochwasserschutz und weniger die Energiegewinnung. Dabei darf man nicht vergessen, zu Beginn der Neuzeit um 1600 war der Lech bei Lechbruck noch 200 – 300 m breit, viel Platz für viel Wasser. Der Holzverbrauch von Augsburg wurde aus vielen Wäldern Lech- und Wertach aufwärts gedeckt. 1568 wurden 350 000 Stämme bei Stanzach in den Lech geworfen und die Strecke von 175 km nach Augsburg getriftet. Zwischen 1570 und 1600 wurde Holz aus 54700 Flößen nach Augsburg geliefert. Seit der frühen Neuzeit wurden die Wälder entlang des Lechs systematisch dezimiert, der Lech in seinem Lauf eingeengt und begradigt. Ein fataler Prozess der zu immer größeren Hochwasserbedrohungen führte. Der Forggensee konnte sein Versprechen als Hochwasserschutz im Grunde nicht einhalten wie das Jahrhunderthochwasser von 2005 zeigte. Das Problem liegt in einem fatalen Umgang mit Flusslauf und Wäldern als natürliche Wasserspeicher. Der Fluß als Bedrohung ist vor allem ein menschengemachtes Folge-Problem.

Bedenkt man, das der Forggensee zeitlich ganz am Ende der Staustufen Verbauung des Lechs entstand, könnte neben dem Hochwasserschutz noch ein anderer Faktor die treibende Kraft für den Bau gewesen sein. Durch einen geregelten Wasserstrom die Flussabwärts liegenden Kraftwerke in einem optimalen Betriebslevel zu halten; also vor allem ökonomische Gründe. Nur diese gute, gemeinnützige Geschichte hätte den Bewohnern von Forggen und Brunnen nicht ausgereicht, um ihre Dörfer und Wiesen für immer zu verlassen.

siehe auch Lech in Wikipedia.

Zu Lechbruck und Fösserei siehe Flössermuseum Lechbruck

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