Ludwig Ganghofer und die Natur 1855 – 1920

„Der Wald ist kein verschlossenes Buch, wohl aber ein Buch ohne Ende. Seine Sprache ist leicht verständlich, sie redet schlicht und warm zu unserm Herzen, wir brauchen ihr nur zu lauschen und das Herz nur offenzuhalten.“

Ludwig Ganghofer, Bergheimat, posthum 1933
Ludwig Ganghofer, porträtiert von Friedrich August von Kaulbach im Jahr 1908 (Quelle: Wikipedia)

Zum besseren Verständnis von Naturwahrnehmung, früher und heute, sind Romane eine weitere hilfreiche Quellen. Für das Bayerische Alpenvorland im ausgehenden 19. Jahrhundert steht hier unter vielen Namen ganz vorne Ludwig Ganghofer. Er ist 1855 in Kaufbeuren geboren und 1920 in Rottach Egern am Tegernsee gestorben. In seinen Romanen und Geschichten beschreibt er gerne und ausführlich die Berglandschaft von Bayern und Tirol. Er selbst bezeichnete sich dabei als Grenzgänger, nicht nur zwischen seinem Wohnhaus in Rottach Egern am Tegernsee und seiner großen Jagd in Leutasch in Tirol.

Natur erachtete er als schützenswertes Gebilde, das im Einklang mit der menschlichen Nutzung stehen sollte.

Seine Liebe zur Natur stand für Ihn nicht im Widerspruch zu seiner Leidenschaft für die Jagd. Ganghofer war auf den Abschuss versessen, er jagte aber auch waidgerecht. Seine im Leben wie in seinen Romanen ausgelebte Lust an der Jagd zeigt sich in vielen Szenen und Geschichten. Sie bezeugt einen Vollgenuss des Lebens, in dem die Jagd und der Schuss auf ein Tier die in der Natur aufgesuchten Höhepunkte sind.

Denke nicht, daß es grausam war, den Verliebten und Betörten gerade in dem Augenblick zu fällen, in dem er süße Freuden erhoffte – ihm hat der ungeahnte Tod keinen Schmerz gebracht, denn es stirbt sich in keiner Stunde leichter als im Vollgenuß des Lebens, im Rausche zärtlichen Gefühls! Und dein Schuß war schön!

Gleichzeitig erkannte Ganghofer die Notwendigkeit, die Natur zu schützen, und intensivierte dabei sein Naturerleben in der „gerechten“ Jagd.

Der ruhigste, sicherste Schuß – das war vorerst nur vom Standpunkt des praktischen Jägers gesprochen. Aber auch der Naturfreund findet bei dieser Jagdart seine beste Rechnung. Ein solcher steckt ja schließlich in jedem richtigen Jäger, und so kommt es – man mag die Grammatik der Jägerei von Anfang bis zu Ende durchblättern – , daß jedem edleren Wilde gegenüber jene Jagdart als die weidgerechteste gilt, die mit der sichersten Erlegung den reichsten, mannigfaltigsten Genuß der Natur und ihres Tierlebens vereinigt.

Ludwig Ganghofer, Bergheimat

Wobei er hier bereits den Naturfreund als spannungsgeladene Alternative zur Rolle des Jägers versteht. Er sieht beide Rollen ohne Widerspruch in sich verbunden. Und ihm ist wohl auch bewusst, das durch die Jagd und unbesonnene Nutzung der Natur bereits viel Schaden zugefügt wurde. So schreibt er:

Wenn man die Wirtschaftsrechnungen der Klöster Berchtesgaden, Tegernsee, Benediktbeuren und Ettal nachliest, findet man in den Schußlisten des 17. und 18. Jahrhunderts mehr Gemsgeier und Steinadler verzeichnet als Gemsen und Hirsche. Hans Duxner, von 1640 bis 1670 Klosterjäger in St. Bartholomä am Königssee, erlegte 127 Gemsgeier und eine noch größere Zahl von Steinadlern. Sein Nachfolger Urban Fürstmüller brachte neben 25 Bären in Gemeinschaft mit seinen beiden Söhnen 74 Geier zur Strecke

Ludwig Ganghofer, Mein erster Adler, in: Bergheimat

Es hält ihn aber nicht davon ab, selbst versessen auf die Adler Jagd zu gehen und damit der „Vernichtung“ nicht Einhalt zu gewähren, die er selbst erkennt.

„Mein erster Adler! Bei diesem Worte macht mir die Erinnerung das Blut wieder heiß. Und wieviel harte Mühsal mußte ich überstehen, wie viele Jahre mußte ich geduldig warten, bis das grüne Glück mir diesen heiß ersehnten Schuß bescherte.“

Ludwig Ganghofer, Mein erster Adler, in: Bergheimat

Ohne jedes Hadern oder Zweifeln an seinem Handeln verbindet Ganghofer seine Jagdlust immer wieder mit sehr schönen, lyrischen Naturbeschreibungen. So lässt er sie in in Bergheimat als „Zauber der Natur“ sprechen:

Die ganze Natur spricht mit ihm, durch das Rauschen der Bäume, durch das mahnende Poltern der abrollenden Steine, durch den Vogelruf, durch das Pfeifen der Gemsen wie durch das Schreien der brünstigen Hirsche. Er
versteht diese Sprache, wenn auch auf seine eigene Weise. Wirkt doch der Zauber der Natur auch auf das Herz des Ungebildeten, wenn er dann auch nicht imstande ist, über die eigene Empfindung zu klarem Verständnis zu kommen. Und so wird für ihn die Naturpoesie zum Aberglauben. Er personifiziert das ganze ihn umgebende stille Leben, die Tiere werden ihm zu gleich fühlenden und gleichdenkenden Wesen. Alles, was er sieht und hört, erklärt er sich nach bestem Wissen und Können. Steht er aber plötzlich vor einem gewissen Etwas, das ihm gegen alle Gewohnheit und Vernunft geht, so hilft ihm nur sein Gespenster- und Teufelsglaube zu einer befriedigenden Erklärung

Ludwig Ganghofer, Bergheimat

Seine Erfahrung der Macht über Leben und Tod in der Jagd draußen in der „freien“ Natur, die Harmonisierung dieser Machterfahrung in einer „waidgerechten“ Jagd, können heute nicht mehr als Modell einer zukunftsfähigen Naturwahrnehmung und dem daraus folgenden Umgang mit der Natur als Grundlage unserer Existenz überzeugen.

Ganghofer bediente die „Natur“ – Sehnsüchte seiner Zeit und lebte sie auch oppulent aus. Er stürzte dabei aber nie ins sentimentale Pathos ab. Dies geschah erst durch die Verfilmungen seiner Werke in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts. Es brachte Ludwig Ganghofer den Ruf eines Kitsch-Autors ein, den er so nicht verdient hat, und sein Werk stark verkennt. Diese anfangs Schwarzweiße, später in PAL Color übertragene Kitsch Sicht auf das einfache Leben in der „wilden Natur“, erlebt aus dem Kino und Fernseh Sessel, nährt sich vor allem aus der Sehnsucht, in höchst möglicher Sicherheit eine „Wilde Natur“ hautnah zu erleben. Ein Widerspruch per se. Darüber aber in einem weiteren Artikel, der uns dann in die Moderne hineinführt. So viel schon jetzt: Von einem Widerspruch zum Anderen im Umgang mit der Natur.

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