Mit dem Guckkasten zum Starnberger See – 1860

Alle aber beseelt der gleiche Wunsch, den Becher der Freude, den diese herrliche Natur bietet, mit vollen Zügen zu leeren und die ungetrübte Lust des Daseins zu genießen.

G.A.Horst: Der Starnberger See. Eine Wanderung durch seine Uferorte, München 1876,

Wir knüpfen an den letzten Artikel über das Reisen an und gehen weiter der Frage nach, was sich in historischen Reiseführern über Natur-, Umwelt- und Reiseerleben erfahren lässt. Welche Wahrnehmungen und Beobachtungen sind in Reiseführern festgehalten, inwiefern können wir heutigen Leser diese bestätigen und nachvollziehen, was erscheint uns vielleicht fremd?

Dass gerade auch die Seen und Gewässer das Reisen in Südbayern reizvoll machten, diese Einschätzung findet sich bereits im „Führer durch die Südbayerischen Hochlande“ von Theodor Hartwig aus dem Jahr 1860. Dort heißt es:

„Der Reichtum Sübayerns an Seen bildet nicht den kleinsten Schmuck eines so anziehenden Gebirgslandes.“1

Besonders die Schönheit der Natur gewann für Reiseaktivitäten im 19. Jahrhundert an Bedeutung. Zu dieser Zeit nämlich entwickelte sich ein Reisen, dessen Sinn und Zweck allein in Erholung und Vergnügen begründet lag. Hatte es auch zuvor in der Geschichte immer schon Reisen und unterschiedliche Reiseanlässe gegeben – von Kriegszügen bis zu Handels-, Pilger- oder Bildungsreisen –, die damit alle einen konkreten Zweck oder ein längerfristiges Ziel verfolgten, änderte sich dies in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Reisen konnten nun allein der eigenen Erholung und dem zweckfreien Vergnügen dienen, eine Entwicklung, die sich auf die Herausbildung des Tourismus in Bayern auswirkte.2

Einen wesentlichen Beitrag leistete hierbei auch ein neues Transportmittel – die Eisenbahn. Ihre Erfindung ermöglichte es, schnell und billig von einem Ort zu einem anderen zu reisen und der stetige Ausbau des Eisenbahnstreckennetzes brachte eine völlig neue Mobilität.3 Regionale südbayerische Reiseführer des späteren 19. Jahrhunderts wie der oben erwähnte „Führer für die Südbayerischen Hochlande“ zeigen, dass der neue „Trend“ durchaus aufgriffen wurde und viele Routen nun Abschnitte enthielten, die mit der Eisenbahn zurückgelegt werden konnten:

Theodor Hartwig: Führer durch die Südbayerischen Hochlande, München 1860.

Zugleich wird aber auch deutlich, dass sich die Wahrnehmung von Natur und Umwelt mit den Transportmodalitäten änderte. Bereits vor der Erfindung der Eisenbahn lässt sich diesbezüglich die Unterscheidung zwischen einer Reise mit dem Wagen bzw. der Kutsche und dem Reisen zu Fuß ausmachen. Im 18. Jahrhundert findet sich über die Vorteile des Reisens zu Fuß die Bemerkung:

„Mancherley kleine, zum Theil äußerst angenehme Zufälle und Abentheuer stoßen dem Reisenden auf, wenn anderen Eilenden in ihren Wagen alles wie ein Guckkasten vorüber fliegt.“4

Der Guckkasten-Blick traf auch knapp 100 Jahre später für die Eisenbahn zu, vielleicht sogar in noch stärkerem Maße, denn hinzu kam, dass der Weg der Bahn nun durch Schienen unabänderlich festgelegt, der Blick dementsprechend vorgegeben und für alle Reisenden mehr oder weniger identisch war: „Die Bahn geht mitten durch Waldungen weiter und lässt nur hie und da einen Blick in das Würmthal offen. […]“5, heißt es in einem Reiseführer über die Strecke zwischen München und Starnberg. Zufälle und Abenteuer entbehrte dieser Bahn-Reiseweg wohl zumindest dahingehend, als dass die Perspektive auf Natur und Umwelt wenig variierte, ausschließlich recht flüchtige Eindrücke und Beobachtungen liefern konnte. Zudem änderten sich mit der Eisenbahn offenbar nicht nur die Eindrücke und Wahrnehmungen von unterwegs, sondern auch die Zielorte erlebten Veränderungen. Für den Starnberger See lässt ein weiterer Reiseführer verlauten:

„In unsern Tagen [1876, A.d.V.] sieht der See ein früher nicht geahntes Leben. Die Eisenstrasse hat ihn mit der Hauptstadt [München, A.d.V.] verbunden, Dampfer durchfurchen seine Fläche und an seinen Ufern erblühen die reizendsten Ansiedlungen. So hat sich denn der Ruf seiner Schönheit mehr und mehr verbreitet und es ist ein buntes fröhliches Leben, das jeder wiederkehrende Sommer an seinen Gestaden hervorzaubert. Da wird es laut in den stolzen Fürstenschlössern wie in den unzähligen großen und kleinen Landsitzen, und unter den Tausenden, die hierherkamen, erglänzt so mancher Name, der unter den hervorragendsten genannt wird. Alle aber beseelt der gleiche Wunsch, den Becher der Freude, den diese herrliche Natur bietet, mit vollen Zügen zu leeren und die ungetrübte Lust des Daseins zu genießen. Ja, es ist ein schönes Stück Welt, das wir durchwandern wollen. Unter den vielen Seen, die in namhafte Zahl den Nordrand des baierischen Gebirgs begleiten, verdient der Starnbergersee unbedingt die Krone der Schönheit, denn kein Anderer bietet so reiche Abwechslung, keiner diese Fülle landschaftlicher Motive.“6

Am See selbst, so erfahren wir vom Autor dieses Reiseführers, suchten nun, mit den Möglichkeiten der Anreise per Eisenbahn, auch mehr Menschen die Naturerfahrung am Wasser, alle sehnten sich danach, wie er es wortgewaltig beschreibt „den Becher der Freude, den diese herrliche Natur bietet, mit vollen Zügen zu leeren“. Damit war es mit der Eisenbahn wohl auch früher schon so, wie es auch uns heute manchmal mit ihr gehen mag: Sie verändert unseren Blick auf die Umwelt und bringt auch gewisse Einbußen an Natur- und Landschaftseindrücken mit sich, aber zugleich ermöglicht sie uns, Orte aufzusuchen, an denen wir die Natur umso intensiver erleben können. Für unsere heutige Zeit könnten wir noch hinzufügen, dass das Reisen mit der Bahn dazu beiträgt, die Schönheit der Natur zu schützen, indem wir dadurch etwa auf Auto oder Flugzeug verzichten. Und auch heute tummeln sich besonders in den Sommermonaten die Ausflügler aus München am Starnberger See, um dort zu baden, zu wandern und Erholung zu suchen. Der „Ruf seiner Schönheit“ hat die gleiche Anziehungskraft, wie sie in den Reiseführern von vor mehr als 150 Jahren beschrieben wird.

Quellen:

1 Theodor Hartwig: Führer durch die Südbayerischen Hochlande vom Bodensee bis zum Königssee, nebst Reiserouten nach Innsbruck und Salzburg und einer Beschreibung von München. Nach eigener Anschauung und den besten Hilfsmitteln bearbeitet, München 1860, Seite 66.

2 Historisches Lexikon Bayerns, Eintrag „Fremdenverkehr“, unter: https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Fremdenverkehr_(Von_den_Anf%C3%A4ngen_bis_1945) (02.04.20)

3 Historisches Lexikon Bayerns, Eintrag „Fremdenverkehr“, unter: https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Fremdenverkehr_(Von_den_Anf%C3%A4ngen_bis_1945) (02.04.20)

4 J.G. Krünitz: Oeconomische Encyclopädie oder allgemeines System der Land-, Haus- und Staats-Wirthschaft: in alphabetischer Ordnung. Berlin 1773-1858, Eintrag „Reise“ unter: www.kruenitz1.uni-trier.de/xxx/r/kr02557.htm (02.04.20).

5 A. Held: Münchener Reise-Handbuch für das bayerische Hochland, München 1874, Seite 45.

6 G.A.Horst: Der Starnberger See. Eine Wanderung durch seine Uferorte, München 1876, Seite 2f.

Bild: Wikipedia

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