Münchens Stadtbäche als Lebensadern

Es waren einmal 100 Bäche für ein besseres Klima.

Wer hier durch die Straßen wandelt, dem fällt, vielleicht noch ehe er sich um die herrlichen Gebäude umsieht, der seltene Reichthum an Wasser auf,“1 schrieb Adrian Riedl 1796 in seinem „Reise-Atlas von Bajern“ über die Stadt München. Seit der Gründung Münchens 1158 durch Heinrich den Löwen bis Ende des 19. Jahrhunderts, also gut 700 Jahre, war das Bild der Stadt von einem Netz aus über 100 Bächen, den sog. „Stadtbächen“, geprägt.2 Entstanden aus natürlichen Seitenarmen der im Hochwasserbett stark verzweigten und mäandrierenden Isar wurden sie von den Bewohnern der Stadt, reguliert und kanalisiert, über Jahrhunderte auf ganz unterschiedliche Weise genutzt und können als „Lebensadern des alten München“3 bezeichnet werden. Die von Isarwasser durchflossenen Stadtbäche machten wesentlich den von Riedl beschriebenen Wasserreichtum aus, von dem in München heute allerdings nur noch wenige Spuren zeugen.

Münchens Stadtbäche 1613 von Tobias Volckmer
aus Christine Rädlinger: Geschichte der Münchner Stadtbäche, Herausgegeben vom Stadtarchiv München, Franz Schiermeier Verlag München 2004, Wikimedia Commons

Die alten Stadtbäche Münchens lassen sich in vier verschiedene Bachsysteme einteilen: Links der Isar zweigte bis 1907 der Große Stadtbach ab und teilte sich auf Höhe von Dreimühlen- und Isartalstraße in zwei Bachstränge, den Westermühlbach und den Pesenbach, die sich ihrerseits wieder in mehrere Seitenarme teilten. Das Bachsystem des Westermühlbachs durchfloss die Altstadt, die von ihm abzweigenden Bäche werden daher als Innere Stadtbäche bezeichnet, das Bachsystem des Pesenbachs verlief ursprünglich vor der Stadt und diese Bäche bildeten die Äußeren Stadtbäche (der Pesenbach wurde um 1900 aufgelassen, d.h. aufgegeben). Der Dreimühlenbach zweigte weiter oben von der Isar ab und war ein von diesen beiden Systemen unabhängiger Bach, floss aber später in den Großen Stadtbach zurück. Rechts der Isar ging der Auer Mühlbach ab, der sich seinerseits wieder in weitere Bachstränge aufgliederte, allerdings zählten die rechtsseitigen Bäche bis Mitte des 19. Jahrhunderts nicht zu den eigentlichen Stadtbächen, da die Au erst dann der Stadt eingemeindet wurde.4

Mit der Wasserkraft der Bäche konnten zahlreiche Getreidemühlen, Walk-, Schleif- und Sägemühlen sowie die Hammerwerke der Stadt betrieben werden, zudem lieferten die Bäche Brauchwasser für Haushalte und Gewerbe (das Trinkwasser wurde zumeist aus Brunnen gewonnen, die Pumpen hierfür aber an vielen Stellen ebenfalls mit der Wasserkraft der Bäche betrieben). Sie füllten bis ins 19. Jahrhundert den zu Verteidigungszwecken angelegten Stadtgraben vor den Mauern der Stadt und spielten eine wichtige Rolle in der Abwasser- und Abfallbeseitigung. Zur Aufrechterhaltung dieser Funktionen bedurfte es regelmäßiger Instandhaltungsarbeiten und mussten die Stadtbäche etwa von sich ablagerndem Kies, Sand, Geröll und Unrat befreit werden, was einmal jährlich im Herbst geschah:5

Diese Kanäle, welche hier offen durch die Straßen, dort unter den Häusern und Gewölben, bald langsam, bald schnell und mächtig strömen, werden alle Jahre im Herbste an einem bestimmten Tage abgelassen, und sodann ausgeräumt und gesäubert; welches man die Auskehr nennt. Nach Vollendung dieser Arbeit treten die Gewässer wieder ein.“6

Die „Auskehr“ im Herbst diente auch der Vorbereitung auf den Winter, zur Vermeidung von Eisbildung sollten alle Hindernisse aus dem Bachbett entfernt werden. Die Ausräumung der Bäche beförderte dabei neben allerlei Abfall vor allem große Mengen an Exkrementen zutage, die an bestimmten Stellen gesammelt wurden, bevor sie von Bauern aufgekauft und zum Düngen auf die Felder vor der Stadt gebracht wurden.7 Man kann sich den Gestank wohl vorstellen, der an solchen Sammelstellen geherrscht haben muss und vor allem im Hochsommer konnten auch die Bäche selbst unangenehme Gerüche entwickeln, die als Gesundheitsrisiko wahrgenommen wurden: „Ungesund ist’s auch, hier am Mühlbach, eine faule, stinkige Luft im Hochsommer,“8 heißt es in einer Quelle aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Münchens Stadtbäche links der Isar heute
Christine Rädlinger; Stadtarchiv München (Hrsg.): Geschichte der Münchner Stadtbäche. Verlag Franz Schiermeier, München 2004, Wikimedia Commons

Die „faule, stinkige Luft“ und üble Dämpfe wurden zu dieser Zeit besonders im Zusammenhang mit der Entstehung von Seuchen diskutiert. Mit den steigenden Einwohnerzahlen und dem Wachsen der Stadt setzte ein Nachdenken über die Verunreinigung von Wasser und Luft ein, vorangetrieben durch die beiden Choleraepidemien von 1837 und 1854. Die Suche nach Maßnahmen zu einer stabilen Trinkwasserversorgung und Entsorgung von Abwässern verdankte sich dabei auch dem Wirken des Münchner Hygiene-Professors Max von Pettenkofer (1818-1901). Dieser hatte nach dem erneuten Ausbruch der Cholera 1854 deren Ursache untersucht, hierfür die Haushalte von Cholerakranken besucht und deren sanitäre Zustände begutachtet.9 Er beobachtete, dass die Cholera besonders dort auftrat, wo das Grundwasser nah an die Oberfläche kam und stellte einen Zusammenhang zwischen Bodenbeschaffenheit und Grundwasserpegel her. Dabei kam er zum dem Schluss, die Cholera werde versursacht durch die Entwicklung gefährlicher Dämpfe – man denke an die „faule, stinkige Luft“ – die bei der Zersetzung flüssiger Exkremententeile in feuchtem, porösem Erdreich entstünden und von dort aufstiegen.10

Zwar irrte sich Pettenkofer in dieser Hinsicht – nur wenig später wurde der Choleraerreger von seinem Zeitgenossen Robert Koch entdeckt ­– doch waren die Beobachtungen aus hygienischer Sicht bedeutsam, denn sie beförderten die Entwicklung einer unterirdischen Kanalisation. Hatten die Stadtbäche im Bereich der Abwasser- und Fäkalienbeseitigung eine wichtige Rolle gespielt, wurden sie dort nun zunehmend überflüssig, ja sie galten angesichts möglicher Dämpfe sogar selbst als Gesundheitsrisiko.11 Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden kleine Bäche, die als Abwasserkanal gedient hatten, verfüllt und aufgelassen.12 Allgemein setzte in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts ein Niedergang der Stadtbäche ein. Mit Aufgabe der Stadtfestigung bedurfte es keines Stadtgrabens mehr, die Stadt interessierte sich stärker für die Wasserkraft der Isar und ihre Ausnutzung in den 1906-1923 gebauten Elektrizitätswerken Südwerke I-III.13 Daneben stellten die Bäche für Bebauung und Verkehr zunehmend ein Hindernis dar und standen dem Ausbau der Straßensysteme entgegen, weshalb viele Bachabschnitte überbaut oder gleich ganz verfüllt wurden. Der „Trend“ setzte sich im 20. Jahrhundert fort. Der letzte, massive Eingriff in das bereits stark geschrumpfte Netz der Stadtbäche erfolgte im Zuge der Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele 1972 mit dem Ausbau des U- und S-Bahnnetzes in den 1960er Jahren. Bis auf einen kleinen Rest, der die Wasserführung im Englischen Garten sichern sollte, wurden die innerstädtischen Bäche konsequent aufgelassen, abgeräumt oder verfüllt.14 Aktuell gibt es Überlegungen, die ehemals überbauten und nun unterirdisch verlaufenden Abschnitte der Stadtbäche wieder freizulegen. Dieser Schritt hätte auch für das Stadtklima positive Folgen, einige versiegelte Flächen würden verschwinden, der dichten Bebauung der Innenstadt und den infolgedessen entstehenden Wärmeinseln könnte entgegengewirkt werden, indem das Bachwasser kühle Luft von außen in die Stadt hereinholen und mittels Verdunstung die Aufheizung innerstädtischer Flächen verringern könnte. Erste Schritte wurden bereits unternommen, so wurde beim Bau der Staatskanzlei der Köglmühlbach wieder freigelegt und zur Gestaltung des Vorplatzes eingesetzt.15 „Faule, stinkige Luft“ ist dort nicht zu fürchten, im Gegenteil. Mit Freilegung der Stadtbäche könnte München an seinen alten Wasserreichtum anknüpfen und zugleich einen positiven Beitrag zur Entwicklung des Stadtklimas leisten.

Quellen und Literatur:

1 Adrian Riedl: Reise-Atlas von Bajern, München 1796, Seite 6.

2 Peter Klimesch: Münchner Isarbuch, München 2017, Seite 153.

3 Werner Kohl: Recht und Geschichte der alten Münchner Mühlen. Neue Schriftenreihe des Stadtarchivs, München 1969, Seite 8.

4 Christine Rädlinger: Geschichte der Münchner Stadtbäche, hrsg. vom Münchner Stadtarchiv, München 2004, Seite 15.

5 Kohl: Münchner Mühlen, Seite 125.

6 Riedl: Reise-Atlas, Seitet 6.

7 Rädlinger: Münchner Stadtbäche, Seite 78.

8 „Die Beichte des Narren“ von Michael Georg Conrad, 1890, zitiert nach: Klimesch: Münchner Isarbuch, Seite. 151.

9 Bernhard Setzwein: An den Ufern der Isar. Ein bayerischer Fluß und seine Geschichte, München/Berlin 1993, Seite 161.

10 Rädlinger: Münchner Stadtbäche, Seite 88.

11 Ebd., Seite 81.

12 Ebd.

13 Kohl: Münchner Mühlen, Seite 144.

14 Rädlinger: Münchner Stadtbäche, Seite 7.

15 Klimesch: Münchner Isarbuch, Seite 179.

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