Nie ist zu wenig, was genügt – Landwirtschaft im Einklang mit der Natur

Hieß das olympische Motto früher „Dabei-sein ist alles“, hat dieser Grundsatz heute schon lange keine Gültigkeit mehr. „Schneller, höher, weiter“, das ist die aktuelle Devise. Ein zweiter Platz ist fast nichts mehr wert, ein Vierter schon gleich gar nichts mehr.

Schneller, höher, weiter

Im Folgenden will ich auf diese gegensätzlichen Haltungen, nämlich „GENUG“ und „IMMER MEHR“, näher eingehen. Der Leitspruch „IMMER MEHR“ prägt derzeit so gut wie alle Bereiche unserer Gesellschaft. Angefeuert von immer größerer Konkurrenz nimmt das Streben nach immer mehr, auch immer skurrilere Züge an. Im Bereich der Landwirtschaft hat sich ein weiterer Leitspruch etabliert, der den heranwachsenden Generationen von Landwirten gebetsmühlenartig gepredigt wird: „Wachse oder weiche! – Du bzw. dein Betrieb muss immer größer werden, sonst ist dieser wirtschaftlich nicht mehr tragfähig.“ Die Folgen sind Massentierhaltung und Monokulturen, soweit das Auge reicht und schließlich eine Anzeige des Europäischen Gerichthofs wegen massiver und flächendeckender Überschreitungen der Nitrat-Grenzwerte im deutschen Grundwasser. Unter massivem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Dünger sind die Erträge pro Hektar in den letzten Jahrzehnte zwar massiv angestiegen, allmählich zeigt sich aber, dass vielerorts der Boden kapituliert und die Erträge trotz steigenden „Inputs“ stagnieren. Mancherorts schlagen Landwirte schon Alarm, weil die Erträge sogar rückläufig sind. Und trotzdem gilt nach wie vor die Devise „Wachse oder weiche“ – ohne Alternative.

Es gibt doch Alternativen

Zwei Hektar Acker und acht Hektar Grünland reichen für die 5-köpfige Familie, den Hofladen und das Cafe des Boarhofs. © Neo Kurz

Macht man sich einmal die Mühe, die Lehrbücher der Landwirtschaft und die unzähligen Studien dazu einmal genauer zu lesen, auch zwischen den Zeilen, so scheint es, als ob die Lösung für diese Probleme gar nicht so schwer ist wie z. B. die Studie der Weltbank von 1989 zeigt: Demnach wäre das Land Sudan 1989 (damals war der Nord- und Südsudan noch vereint) in der Lage gewesen, rund 1 Milliarde Menschen mit ausreichend Lebensmitteln zu versorgen, hätten sie eine Art der Landwirtschaft betrieben, wie sie z. B. in Deutschland Ende der 1950er Jahre üblich war, nämlich eine Landwirtschaft mit kleinen, noch sehr leichten Maschinen und einem großen Anteil an Handarbeit auf Wiesen und Feldern. Es handelte sich dabei um eine sehr effiziente, aber sehr boden-schonende Form der Bewirtschaftung. Die sogenannte „Grüne Revolution“ mit ihrem massiven Einsatz an Kunstdünger & Co. stand uns noch bevor. Beginnen wir nun basierend auf diesem Ergebnis ein Gedankenspiel:

Nehmen Sie sich eine Weltkarte und ein Lineal. Machen Sie in der Höhe der Nord- und der Südspitze des Sudan jeweils einen waagrechten Strich auf der Landkarte. Angenommen zwischen den beiden Strichen sind die klimatischen Bedingungen und die Bodenfruchtbarkeit in etwa gleich. Dann ließe sich schlussfolgern, dass man allein auf der Fläche innerhalb dieser beiden Linien die gesamte Weltbevölkerung von heute (7,5 Milliarden Menschen) unter Einsatz einfacher technischer Geräte und viel Handarbeit ernähren könnte.

Eine zweite Studie ist deutlich einfacher zu beschreiben: Die Studie der UNO anlässlich der Berechnung des ökologischen Fußabdrucks der OSZE-Staaten hat ein eindrucksvolles Ergebnis gebracht. Darin wurde nicht nur der Ernte-Ertrag pro Fläche , sondern auch der Ertrag in Abhängigkeit des Inputs (Dünger, Pflanzenschutz, Kraftstoffe, usw.) gemessen. Die landwirtschaftliche Produktionseinheit mit dem höchsten Ertrag war dabei nicht die mit Biogas-Substrat gedüngte und mehrfach mit diversen Herbi- und Fungiziden gespritzte Mais-Monokultur, auch nicht die von Hybridsaatgut bis zur Glyphosat-Spritzung kurz vor der Ernte, nach allen Regeln der „Kunst“ bewirtschaftete Weizen-Monokultur. Nein – den höchsten Ertrag brachte der bäuerliche Hausgarten, in dem auf engstem Platz möglichst viele Kulturen in viel Handarbeit angebaut wurden.

Nun kommen wir zur Lösung des Problems: Gemäß der ersten Studie steht der Menschheit ausreichend Fläche zur Verfügung, um den Welthunger zu stillen. Der zweiten Studie lässt sich entnehmen, wie diese Fläche und auch alle übrigen Flächen, die landwirtschaftlich genutzt werden, bewirtschaftet werden müssten, um hohe Erträge mit niedrigstem Ressourcenverbrauch zu erzielen.

Warum nicht?

Der Hofladen des Boarhofs. © Manfred Glück

Jetzt fragen Sie sich sicher, warum das so einfach klingt, aber nicht umgesetzt wird. Die Antwort ist einfach. Immerwährendes Wirtschaftswachstum wäre mit dieser Art der Landwirtschaft nicht möglich, und da haben eine ganze Reihe einflußreicher Gruppen etwas dagegen. Von den großen Agrarkonzernen, von Landmaschinen- über Saatgut- bis zur Chemieindustrie bis zu unseren Politikern, wären für diese Lösung keine Stürme der Begeisterung zu erwarten. Denn, eines haben wir im Rahmen der letzten Finanzkrise gelernt: Wachstum ist alternativlos!

Die „Märkte“ stellen ebenfalls ein schier unüberwindbares Hindernis dar. Auch die Verpackungs- und Transport-Logistiker sowie der Handel bestimmen mit, wie die Landwirtschaft zu produzieren hat und zu welchem Preis. Vordergründig wird die diesbezügliche Diskussion nur zwischen Landwirt und Verbraucher ausgetragen (Stichwort: Milchpreis), wobei alle anderen Akteure völlig unbehelligt bleiben und nicht zur Verantwortung gezogen werden.

Und es funktioniert doch!
Ich könnte nicht so munter darauf los schreiben, wenn ich diese traditionelle Form der Landwirtschaft nicht selbst ausprobiert hätte. So kann ich auf Grund meiner bisherigen Erfahrungen behaupten: Es funktioniert auch anders.

Mit der Anlage des Teichs hat die Artenvielfalt am Boarhof deutlich zugenommen und sorgt für einen natürlichen Lebensraum für unzählige „Schädlingsbekämpfer“. © Manfred Glück

Ich lebe und bewirtschafte mit meiner 5-köpfigen Familie einen Bauernhof in Oberbayern am Tegernsee. Auf rund zwei Hektar Acker und acht Hektar Grünland erwirtschaften wir so viel, wie wir zum Leben brauchen. Und glauben Sie mir: Wir führen ein wahrlich gutes Leben! Dazu meiden, bzw. umgehen wir diese sogenannten Märkte, oder halten das, was sie tun, auch bei uns am Hof. Wir verkaufen alles, was wir am Hof produzieren, ausschließlich in unserem eigenen Hofladen und einem kleinen Hof-Cafe. Den größten Teil unserer Ur-Produkte verarbeiten wir selber weiter zu Marmelade, Sirup, Saft, Chutney und zu anderen Produkten, die wir dadurch haltbar machen. So vermeiden wir Ausschussware und Müll. Denn, auch die krumme Gurke und die Karotte mit zwei Spitzen wird auf dieses Weise bei uns veredelt.

Ein sehr großer Vorteil dabei ist, dass wir über jedes Produkt mit unseren Kunden direkt in Kontakt kommen. So können wir unkompliziert auf ihre Wünsche reagieren, ihnen aber auch unseren Preis für gute Qualität erklären. Bei uns findet eine direkte, ungefilterte Kommunikation zwischen Erzeuger und Verbraucher statt. Das schafft gegenseitiges Vertrauen – das Fundament eines erfolgreichen Handels.

Das schaffen wir!

Auch die Schweine genießen ihr Leben am Hof. Durch gezielte Kreuzung alter Rassen sind sie optimal an die Verhältnisse vor Ort angepasst.© Manfred Glück

Plötzlich erwacht so auf beiden Seiten die Erkenntnis, dass ein IMMER MEHR auf der einen Seite und ein IMMER BILLIGER auf der anderen Seite die Ursache dafür sein könnte, dass unsere Flüsse und Seen und unsere Wiesen und Felder derzeit unter einem ökologischen Burn-Out-Syndorm leiden.
Machen Sie doch mal den Versuch, einem Bauern in Ihrer Nähe einen Teil der Verantwortung für Ihre Ernährung (und für ihre natürliche Umwelt!) zu übertragen. Übernehmen Sie im Gegenzug einen Teil der Verantwortung für seinen Lebensunterhalt, indem Sie bereit sind, für ihren Einkauf einen höheren Preis zu zahlen. Sie werden sehen, wie schnell sich eine Basis des Vertrauens entwickelt. Je mehr von uns diesen Schritt wagen, desto schneller wird unsere Landwirtschaft gesunden.
Davon würden wir alle profitieren!

Besuchen Sie und doch einmal auf dem Boarhof und vergewissern Sie sich selbst! Wir geben das, was sich uns durch unser eigenes TUN erschlossen hat, auch in Seminaren bei uns am Hof weiter. Mehr dazu erfahren Sie auf unserer Homepage.

Kleiner Tipp: Von München aus geht es auch ganz bequem mit der Bob nach Gmund. Genießen Sie nach einem ausgiebigen Spaziergang am Tegernsee eine Brotzeit mit Kaffee und Kuchen aus eigener ökologischer Herstellung.

BrotZEIT & Leben
s´Hofladl am Boarhof
Max-Obermayr-Weg 6
83707 Bad Wiessee – Holz
Tel: 08022 – 271425
Fax: 08022 – 271424
www.brotzeit-leben.de

Öffnungszeiten:
Donnerstag 14 bis 18 Uhr
Freitag 09 bis 18 Uhr
Samstag 09 bis 12 Uhr

Lesen Sie mehr von Markus Bogner in dem Buch „Selbst denken, selbst machen, selbst versorgen: Ein Bauer zeigt, wie’s geht.„, das beim oekom verlag erscheinen ist. (oekom verlag München, 2016, ISBN-13: 978-3-86581-811-9)

Markus Bogner

Über uns Markus Bogner

Markus Bogner hat die konventionelle Landwirtschaft kennengelernt. Als Angestellter war er Teil der Agrarindustrie, in Landwirtschaftsschulen wurde er mit ihrer Philosophie des »Wachse, oder weiche!« konfrontiert. Darüber, wie man gute Lebensmittel herstellt, hat er dort nichts erfahren – das macht er jetzt als Pächter des Boarhofs hoch über dem Tegernsee einfach selbst: Gemeinsam mit seiner Familie produziert er Vielfalt in Bioqualität und zeigt damit, wie Landwirtschaft auch funktionieren kann.
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