Per Anhalter durchs Lechtal

Namloser Wetterspitze (2553 m) Bild Andreas Struck

Namloser Wetterspitze (2553 m)
Bild Andreas Struck

Neue alte Wege gehen

Die Lechtaler Alpen gehören sicher zu einem der Highlights in den Alpen. Selbst wenn die großen Klassiker mit Parseier, Valuga, Holzgauer Wetterspitze und Freispitze, das Parzinn, das Medriol oder Orte wie Gramais, Bschlabs, Boden und Kaisers keine Geheimtipps mehr sind, finden sich in dem Gebiet zu meiner Überraschung immer noch stille, wundervolle Wege mit einzigartigen Landschaften. Das dürfte vor allem der oft langen, extrem steilen Anstiege zu „danken“ sein. Wer das Kitzeln der Grashalme an der Nasenspitze beim Aufstieg mal überwunden hat, wird hier Großartiges finden und genießen können.

Heute geht es mal per Anhalter durchs Lechtal, und das ganz ohne Auto (wie bei allen meinen Touren). Autowerbung auf Panoramazeitungspapier oder eingeblendet bei Bergwetterberichten sind hier nicht angesagt. Uns geht es um eine lebenswerte Zukunft mit Bergsteigern, die sich nicht selbst belügen und die Sache mit der Natur wirklich ernst nehmen. Die Entdeckung der Langsamkeit statt schnell mal hin und hoch zum Abhaken im Sinne von „hab alle 8000er in einer Woche gemacht“ „by fair means“ und CO2/Flugmeilen/Automeilenwahn zum Ersticken. Hier nun ein Beitrag für Wanderer, so wie es die Lechtaler sind, ehrlich und eigen … auf dem Anhalter Höhenweg von der Anhalter Hütte über die Namloser Wetterspitze, die Bschlabser Kreuzspitze und die Elmer Kreuzspitze nach Elmen, eben per Anhalter zu Fuß durch eine großartige Landschaft in den Lechtaler Alpen.

Zu den Fakten:

Anreise: Mit der Bahn nach Bichlbach (inzwischen sehr gute und zuverlässige Verbindung von München / Weilheim / Garmisch) fast stündlich. Dort mit Bus nach Berwang – Brand (oder zu Fuß, schöner Weg neben der Straße wenn kein Sonntag mit Motorrad-Wetter ist)

Rüdigerspitzen aus dem Tarrenton im Rotlechtal Photo Andreas Struck

Rüdigerspitzen aus dem Tarrenton im Rotlechtal
Photo Andreas Struck

Abreise: Elmen (Lechtal) mit Bus nach Reutte (fast stündlich) und dort sehr gute Zug-Anbindung nach Kempten / Garmisch / München

Länge: 30 km (ohne Namloser Wetterspitze!)

Höhenunterschied: 2347 m (352 m mehr im Abstieg, ohne Namloser Wetterspitze!)

Wir wandern also von Berwang-Brand über die Anhalter Hütte (Übernachtung) und dann den Anhalter Höhen Weg über Bschlabser Kreuzspitze und Elmer Kreuzspitze nach Elmen im Lechtal. Von der Anhalter Hütte aus beschildert, aber: Der Weg ist stellenweise kaum zu finden. Es wird streckenweise der Tramper mit Wildniserfahrung in dir benötigt.

Nichts für Kinder! Nur für  schwindelfreie Wanderer mit guter Kondition, welche sicher in steilen Grashängen unterwegs sind. Auf keinen Fall bei Nässe und Regen.

 

Die großartigen Abschnitte, eine Symphonie aus der Neuen Heimat:

Rotlechtal Bild Andreas Struck

Rotlechtal
Bild Andreas Struck

Rotlechtal und Tarrenton Alm:

Von Mitteregg geht es auf steilem Pfad hinab zum und über den Rotlech. Anfangs teilen wir uns den Weg zum Lorea Kopf, später halten wir uns rechts Richtung Tarrenton Almem (ca. 2 1/2 Stunden Gehzeit). Ein wunderbarer Pfad mit schönen Blicken über den Rotlech hinauf und später zur Heiterwand. Großartige Almen unterhalb der Heiterwand, neben Karwendel und Wetterstein eine der mächtigsten zusammenhängenden Felswände in den nördlichen Kalkalpen. Die sagenhafte Kulisse steht in nichts der Eng im Karwendel nach, nur ohne Großparkplatz und Reisebusse. Ganz im Ernst, das gibt es noch, weil auch etwas jenseits des Tagesausflugsziels ohne Tempolimit von München, Augsburg und Stuttgart für unruhige Besucher im Eintagestarif.

Tschachaun (2334 m):

Zur Anhalter Hütte dürfen wir noch zweimal auf- und absteigen, es sind noch weitere 2 bis 3 Stunden über das Hinterbergjoch (2002 m)  und den Kronsattel (2137 m). Großartige Blicke zu den Rüdigerspitzen und dann endlich zum ersten Mal hinüber zur Namloser Wetterspitze. Und der Weg immer in Ost-West Richtung unter den Abstürzen der sagenhaften Heiterwand. Wer dann noch Kraft und Energie hat, kann vom Kronsattel in einer halben Stunde den Tschachaun (2334 m) besteigen. Man mag ihn den Hüttenhausberg nennen, auf der DAV Karte „Lechtaler Alpen“ ist kein Weg hinauf eingezeichnet. Aber es gibt einen ausgeschilderten und gut sichtbaren Weg. Hier spürt man den Lechtal-Tourismus, der die Anhalter Hütte und den Hausberg bewirbt und ausschildert. Wie oft habe ich den Tschachaun von der Namloser Wetterspitze aus gesehen, bei einer Skitour im Winter oder einer Wanderung im Sommer, und wollte immer mal auf diesem  kleinen Thronsessel vor der Heiterwand stehen, ein Buckel der es in sich hat. Man muss dort oben stehen und sich einmal ganz langsam um 360 Grad drehen, um zu verstehen, wie schön es in den Bergen sein kann. Jetzt dürfte jeder voll mit Eindrücken sein und die 45 Min. hinab zur Anhalter Hütte werden zum Katzensprung, nach dem, was vorher geleistet wurde.

Mehr zur Anhalter Hütte, Öffnungszeiten etc. findet ihr hier.

Von der Anhalter Hütte geht es am nächsten Morgen weiter (im Sommer zeitiger Aufbruch, kaum Schatten auf der ganzen restlichen Wanderung).

Namloser Wetterspitze (2553 m)

Ich empfehle mit Schwung auch die Namloser Wetterspitze (2553 m) im Morgenlicht zu überqueren, das ist der Thronplatz und Orientierungspunkt für den restlichen Weg. Eine großartige Aussicht belohnt einen für den etwas steilen, zum Schluss über Geröll hoch führenden Weg.

Anhalter Höhenweg

Man kann die Namloser Wetterspitze aber auch links umgehen und direkt zum Putzenjoch gehen.  Eine Auslassung, auch wenn es schwer fällt, ist angesichts des später bevorstehenden langen Abstiegs nach Elmen nicht zu verdenken. Hier am Putzenjoch treffen sich die Wege von Fallerschein, Anhalter Hütte, Namloser Wetterspitze und Bschlabs als Wegknoten Punkt, und, wir sind auch schon auf dem Anhalter Höhenweg, ab hier wird es wieder deutlich ruhiger.

Am Putzenjoch unbedingt etwas verweilen, das herrliche Spiel der Bachmäander in den flachen Wiesen im Herbstlicht sind ungemein schön. Schon oft saß ich hier und verschob den Abstieg nach Fallerschein Stunde um Stunde, weil es so schön war. Aber davon ein andermal. Heute geht es hier ja erst richtig los.

Die Wegspuren rechts unterhalb des Kreuzjoch sind sparsam und im November 2016 auch in sehr schlechtem Zustand. Ab hier nur für tritt-sichere Geher. Hinüber geht es zum Satelle (2043 m) zwischen Kreuzjoch und Egger Muttekopf (2314). Dorthin kann man auch direkt übers Kreuzjoch kommen (rot-weiße Stangen, die ab jetzt bis hinüber zur Elmer Kreuzspitze den Weg markieren).

War das Rotlechtal, der Tschachaun und die Namloser Wetterspitze jeweils eine Wanderung für sich mit einzigartigen Eindrücken, beginnt jetzt eine Paradetour auf immer „sanft ausgesetztem“ Grad, rechts und links 600 bis 800 m Steilwandwiesen und Rundumblicke, zum Umfallen schön. Die Sicht zum Stablsee und hinüber zur Pfeilspitze, die Blicke hinab nach Fallerschein und hinüber zur Namloser Wetterspitze, weiter hinten die Zugspitze, sind von einmaliger Qualität und Schönheit. Ja, es geht schon etwas in die Kraft, aber die Überschreitung vom Sattele (2043 m) über Egger Muttekopf (2311 m), Bortig Scharte (2089 m), Bschlabser Kreuzspitze (2462 m), Mittlere Kreuzspitze (2496 m) und endlich hinüber zur Elmer Kreuzspitze (2480 m) gehören ganz uneingeschränkt zu den wirklichen, noch stillen Highlights in den Alpen. In den Nördlichen Kalkalpen fast ein Muss für jeden, der die Bergwelt liebt.

Rundumblick auf dem Tschachaun (2334 m) mit der grandiosen Heiterwand Photo Andreas Struck

Rundumblick auf dem Tschachaun (2334 m) mit der grandiosen Heiterwand
Photo Andreas Struck

Angekommen auf der Elmer Kreuzspitze (2480 m), mit großartigem Blick hinab ins Lechtal und die noch teilweise frei mäandrierende Flusslandschaft, eine der wenigen, aber auch hier schon sehr eingeschränkten Wildflusslandschaften in den gesamten Alpen, machen wir erst mal eine Rast und genießen die Aussicht. Dann geht es steil und lang, ja, wirklich steil und lang, hinab auf ausgetretenen Pfaden nach Elmen im Lechtal (fast 1600 m ohne Unterbrechung).

Kurz vor der Jagdhütte am Punkt 1907 m treffe ich einen 80-jährigen Bergbauern. Wir kommen ins Gespräch und er erzählt mir, wie er früher, als er noch jung war, die Grashänge in der Diretissima, sozusagen kerzengerade, mit Steigeisen einfach so zur Freude hoch gestiegen ist. Er strahlt, in den Augen steckt immer noch etwas von seinem Übermut, seine Stimme ist etwas außer Atem und leise. Heute reicht es ihm bis hier her. Er war schon so oft da oben auf der Elmer Kreuzspitze, er weiß nicht wie oft. Ich das zweite Mal, das erste mal vor 45 Jahren mit meinem Vater, und ich habe damals gerade das Bergwandern gelernt und staune heute über die 1600 m rauf und runter. Halt stimmt nicht! Damals wurde noch mit dem Auto bis zur Stablalm gefahren,  also 400 Höhenmeter weniger. Es war zwar verboten die Straße zu befahren, aber außer der Versicherung, wenn etwas passiert, hat das damals keinen interessiert. Das ging damals noch, gab es ja auch keinen Stau in Füssen oder gar im Lechtal. Ich habe mir damals als Beifahrer keine Gedanken gemacht, dass das Auto einmal zum größten Umweltzerstörer wird.  Leider tut das bis heute kaum jemand von den vielen Berg- und Naturfreunden auf riesigen, voll gestellten Bergwanderparkplätzen, wo nun nach einheitsgelber DAV Beschilderung scheinbar jeder Bergweg per Status Quo beginnt. Keine Gedanken über scheinbare Erleichterung, weil es ja etwas von unserem Tempo und unserer vermeintlichen „Freiheit“ mit SUV Kick nehmen würde. Genau das Gegenteil ist der Fall. Wirklich frei bist du ohne Auto! Die Länge der Wege, die geübte Ausdauer, dem Ziel für Stunden ganz nah zu sein, und die stillen Wege, das war es, was mich die Lehrjahre in den Lechtalern gelehrt haben. Schon etwas anderes wie die Brecherspitze in den Bayerischen Alpen oder die Scheinbergspitze im Ammergebirge mit Summit Touren im Winter zu buchen. Und die vielen Hütten und Almen rundherum mit Mountain Bike Parkplätzen, Rädern frisch vom Autodach gehieft, so gemütlich wie die Bierkeller in München.

Wie gerne wäre ich nochmal mit meinem Vater hier oben, aber das geht nicht mehr, wie es auch für mich irgendwann nicht mehr gehen wird. Dann will ich oft genug dort oben gewesen, sein, um es dann von „ganz“ unten zu genießen, wie der Bergbauer es wohl andeutet und strahlend lacht. Oder bin ich es nicht schon oft genug, dort oben gewesen? Ist nicht jedes Mal genug? Ja, schon, aber es geht halt doch noch a bisserl, ganz ohne Spuren zu hinterlassen … gut so.

Stablalmen bei Elmen im Lechtal Bild Andreas Struck

Stablalmen bei Elmen im Lechtal
Bild Andreas Struck

Stablalm (1414 m)

Auf der Stablalm gibt es zwei Einkehrmöglichkeiten: Die Jausenstation und die Stabl Alm selbst. Beide liegen wunderbar über dem Lechtal, und für ganz gemütliche Geher kann man schon hier mit einer Stunde Aufstieg von Elmen mit Kind und Kegel, dem Schatzerl oder auch allein als Heimatbummler zum Liebhaber des Lechtals werden. Ja, auch von hier sind die Berge schon wunderschön und hinterlassen etwas mehr Natur in uns zurück, die wir nicht auf der gräßlich viel befahrenen Lechtalstrasse verpulvern, sondern sorgsam in uns mittragen und den Bus und Zug nach Hause nehmen. Wirklich hervorragende Anbindung nach Reutte und von dort mit der Bahn weiter.

Eine Tour zum sofort wieder gehen.

Ich war im November 2016 dort unterwegs, und biwakierte auf dem Tschachaun (2334 m) und dem Egger Muttekopf (2314 m). Anstrengend, mit schwerer Fotoausrüstung, aber traumhaft schöne Bergtage, 6 Sternschnuppen in zwei Neumondnächten und im Herzen, was wirklich zählt. Die Sternschnuppen teilte ich mit meiner Familie, die diesmal zu Hause bleiben musste.

Schöne Alternative mit Kindern: Besuch der Anhalter Hütte (2038 m) vom Hahntennjoch (1894 m) oder von Bschlabs (1316 m)  aus, dort nächtigen, und dann „nur“ auf den Tschachaun (2334 m). Und wenn mal kein Bus geht, dann halt mit Taxi. So wild ist das auch nicht.

Per Anhalter durchs Lechtal geht nur ohne Auto so schön und voller Freude, mit Langzeitwirkung. Dir und der Natur zuliebe.

 

Zum Schluss ein wichtiger Hinweis: Planen Sie die Tour gut mit Karte und Führer, das Smartphone und die Touren-Vorschläge in diesem Blog nehmen Ihnen nicht das Denken und die eigene Verantwortung ab. Wir wollen auch keinen Wanderführer ersetzen, da gibt es ein sehr gutes und preiswertes Angebot im Handel. Wir wollen zu Ideen anregen, die der Natur und den Menschen gerecht werden.

 

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