Schachtkraftwerk im Fischparadies oder der Sinn von Natura 2000 Schutzgebieten

Standort des geplanten Schachtkraftwerkes. Luftaufnahme Wehranlage Raue Rampe bei Großweil (Quelle Google Earth)

Standort des geplanten Schachtkraftwerkes. Luftaufnahme Wehranlage Raue Rampe bei Großweil (Quelle Google Earth)

Das Wasserenergie Nutzungskonzept Schachtkraftwerk ist an der TU München entwickelt worden. Es ist ein modulares, im Design industriell produzierbares Konzept für Klein- und Kleinstkraftwerke. Mehrere Module können parallel auch für mittelgroße Wasserkraftanlagen eingesetzt werden. Es besteht bisher eine Pilotenlage im Maststab 1:5 in der der Versuchsanstalt Obernach (nähe Walchensee).

Das Konzept ist in der Theorie sehr vielversprechend und stellt sehr wahrscheinlich gegenüber „klassischen“ Wasserkraftwerken eine Verbesserung in der

Skizze Schachtkraftwerk

Skizze Schachtkraftwerk (Quelle siehe Text)

Naturverträglichkeit dar. Eine Einheit aus Turbine und Generator wird in einem Schacht mit einer horizontalen Einlaufebene installiert, der vor dem Wehrkörper in die Oberwassersohle integriert ist. Der Kraftwerkszufluss wird durch den horizontal angeordneten Rechen mit abflußabhängiger Überdeckungshöhe der Turbine zugeführt. Die Anbindung an das Unterwasser erfolgt über das Saugrohr durch den Wehrkörper hindurch. In der Wehrebene ist in der Einlaufbreite ein multifunktionaler Verschluss angebracht. Er dient beim Kraftwerksbetrieb durch leichte Überströmung der Wirbelvermeidung, gibt bei der Rechenreinigung das Rechenreinigungsgut direkt ins Unterwasser ab und kann im Hochwasserfall vollständig abgesenkt werden, um somit einen großen Fließquerschnitt freizugeben und die vollständige Geschiebedurchgängigkeit herzustellen. Ein Video zur Erklärung des Schachtkraftwerkes gibt es hier und auch auf der Seite der TU München sind weitere, technische Informationen zu finden.

Die Vorteile sind:

• Überzeugende Technik für den Fischabstieg und die Geschiebedurchgängigkeit
• kein Eingriff in den Uferbereich
• keine Störung des Landschaftsbilds
• Hochwassersicherheit
• kaum wahrnehmbar (Bauwerk unter Wasser, keine Geräuschemission)
• Nachrüstbar an bestehenden Querbauwerken
• Kosteneffizienz bei der Erstellung der Anlage (geringes Bauvolumen, kein Kraftwerksgebäude)

Die Nachteile sind:

• es gibt noch keine empirischen Daten der Wirtschaftlichkeit im serienmäßigen Bau und Betrieb

• werden für die politischen Ziele der erneuerbaren Energie „unwirtschaftliche“ Projekte finanziert, die langfristig Gemeinden und der Steuerzahler subventioniert (ich gehe davon aus, das e-on die Wirtschaftlichkeit von Wasserkraftwerken anders betrachtet)

• die „bessere“ Naturverträglichkeit ist theoretisch vorhanden, jedoch in der Praxis nicht gesichert und ggf. für bestimmte gefährdete Arten zu relativieren

• der Standort für das „Pilotprojekt“ liegt in einem Natura 2000 Gebiet.

Natura 2000 Schutzgebiet bei Großweil an der Loisach (Quelle: venGo)

Natura 2000 Schutzgebiet bei Großweil an der Loisach (Quelle: venGo)

• es handelt sich bei der Standortwahl um einen Abschnitt der Loisach mit besonders hohem ökologischen Wert. Es gibt dort noch die bedrohten Fischarten Huchen (Hucho hucho) und Mühlkoppe (Cottus gobio). Zur Gefährdung dieser Fischarten siehe auch  IUCN Cottus gobio und vor allem  IUCN Hucho hucho.

• eine sehr grundsätzliche Frage steht im Raum: Warum werden Schutzgebiete in teuren und wichtigen Verfahren ausgewiesen, wenn sie selbst für den Bau von Versuchsanlagen ohne jeden empirisch gesicherten wirtschaftlichen und ökologischen Vorteil wieder „ausgenommen“ werden?

Der Bund Naturschutz und der Landesfischereiverband haben gegen den Bau der Anlage geklagt. Die Klageschrift liegt nicht vor. Ich nehme aber an, das ähnliche Beweggründe, wie die oben genannten Nachteile, zu diesem Schritt führten.

Huchen (Kupfertsich, Wolf Helmhardt von Hohberg, 1695) - Nach IUCN gefährdete Art. Vorkommen: Aschen und Forellenregion in Oberbayern, vielleicht bald nur noch als Kupferstich

Huchen (Kupfertsich, Wolf Helmhardt von Hohberg, 1695) – Nach IUCN gefährdete Art. Vorkommen: Äschen und Forellenregion in Oberbayern, vielleicht bald nur noch als Kupferstich zu sehen.

Mit meinem jetzigen Wissensstand kann mich der Pilotbau des Schachtkraftwerkes in einem Schutzgebiet an der Loisach bei Großweil nicht überzeugen. Meiner Meinung nach muss die Ausweisung von Naturschutzgebieten, egal welcher Dimension und Art, viel ernster genommen werden. Eine Versuchsanlage für eine neue, wenn auch vielversprechende Technologie, kann hier keine Ausnahme sein. Der Rückbau der dreißig Jahre alten Wehranlage Raue Rampe bei Großweil ist die einzig vertretbare Entscheidung in einem ausgewiesenen Schutzgebiet. Und wenn hierfür kein Geld zur Verfügung steht, ist es besser, die Renaturierung der Natur und damit der Zeit zu überlassen. Es hätte schon bei der ersten Antragsstellung vor 4 Jahren zu einem klaren „nein“ kommen und ein alternativer Ort vorgeschlagen werden müssen. Es gibt genügend alte Wasserkraftwerke in Oberbayern, die mit moderner Technik effizienter und zu naturverträglichen Betrieben werden können.  Jetzt ist es für alle Betroffenen eine berechtigte Enttäuschung und ein Gericht muss etwas entscheiden, was anders und im Einvernehmen möglich gewesen wäre. Sowohl die bayerische Innovationskraft als auch ein effektiver, glaubwürdiger Naturschutz stehen durch solch fragwürdige Verfahren in der Kritik. Energie und Umweltpolitik im Nebel, und alle Beteiligten haben Pech.

 

Die Lage:

Weiterführende links zum Thema:

www.br.de (Skizze Schachtkraftwerk)

www.tum.de (Vorteile Schachtkraftwerk)

Radio Lora, München, Markus Hiereth

www.sueddeutsche.de

Münchner Merkur

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