Schaurig-schöne Erkundungen im Moor

360 Grad Rundumblicke – Oberbayerische Moorlandschaft I
© Andreas Struck

Nicht nur der Starnberger See ist eine Reise ins Alpenvorland wert. In seiner Umgebung finden sich noch viele andere, teilweise wenig bekannte Gewässer, die ein faszinierendes Naturerlebnis bieten. Das Leutstettener Moos nördlich von Starnberg ist ein solches Gewässer. Der Ausdruck Moos ist die bayerische Bezeichnung für ein Moor, was den Namen Leutstettener Moos erklärt. Moore sind eine Mischform aus Wasser und Land, es sind Lebensräume, die ständig mit überschüssigem Wasser bedeckt sind. Abgestorbene Pflanzenteile können sich dort nicht völlig zersetzen und es bilden sich Schichten aus organischem Material, der Torf. Um diese Zusammenhänge wussten die Menschen bereits Ende des 18. bzw. Anfang des 19. Jahrhunderts:

„ Mohre entstehen, wenn sich Wasser auf eine nicht durchlassenden Grunde, wo es keinen zureichenden Abfluß hat, allmählig und in geringerer Quantität ansammelt. […] Auf diesem feuchten Grunde erzeugen sich viele Arten von Sumpf= oder Mohrpflanzen, die, aus noch nicht ganz ausgemachter Ursache, nicht verwesen, sondern sich halb verkohlen. Auf ihnen wachsen wieder andere, und so entstehet allmählig eine mehr oder minder hohe Lage von Torf, oder ein dichtes Gewebe von abgestorbenen, aber nicht völlig verweseten, fest in einander gepreßten, oft mit Erdharz durchdrungenen Pflanzen.“1

360 Grad Rundumblicke – Oberbayerische Moorlandschaft II
© Andreas Struck

Heute kennen wir zusätzlich auch die „noch nicht ganz ausgemachte Ursache“ der unvollständigen Zersetzung der Pflanzenteile: Das stark saure Wasser schließt das Pflanzenmaterial gegen oxidative Zersetzungsprozesse ab. Der sich auf diese Weise beständig bildende Torf lässt das Moor dann pro Jahr ca. 1mm in die Höhe wachsen.

In ihrem natürlichen Zustand, d.h. wasserbedeckt, sind Moore wahre ‚Klimaschützer‘, denn sie speichern dann pro Hektar beinahe sechsmal so viel Kohlenstoff wie Wald. Das gilt allerdings nur, solange der Torf mit Wasser bedeckt ist. Sinkt der Wasserspiegel, etwa durch eine systematische Entwässerung über Gräben oder Kanäle, durch nahegelegene Flussregulierungen oder über das Absinken des Grundwasserspiegels durch Trinkwasserentnahme, gelangt Luft und damit Sauerstoff an den Torf. Die Zersetzung beginnt und der gebundene Kohlenstoff wird als das klimaschädliche CO2-Gas frei.2 Im nicht-natürlichen Zustand wirken sich Moore also negativ auf das Klima aus – eine verkehrte Welt sozusagen. Umso mehr gilt es daher, Moore in ihrem naturnahen Zustand zu erhalten und zu schützen, nicht nur des Klimas, sondern auch vieler Tier- und Pflanzenarten wegen, die dort ihren Lebensraum haben und spezifisch an diesen angepasst sind. Moor ist dabei auch nicht gleich Moor. Das Leutstettener Moor etwa ist ein sog. Niedermoor und erhält sein Wasser einerseits durch Regen, andererseits aus dem Boden über das Grundwasser. Dadurch unterscheidet es sich von Hochmooren, die nur durch Niederschläge versorgt und daher auch Regenmoore genannt werden. Dieser Unterschied hat auch Auswirkungen auf den Nährstoffgehalt und die Vegetation eines Moores. Niedermoore wie das Leutstettener Moos sind nährstoff- und mineralienreich und haben eine an diese Bedingungen angepasste Pflanzen- und Tierwelt. In der historischen Beschreibung einer Wanderung entlang des Leutstettener Mooses aus dem 19. Jahrhundert heißt es über dessen Vegetation:

„Auf der Straße, die von Petersbrunn nach Starnberg führt, gehen wir am Rande des zum See ziehenden Sumpflandes. Zwischen Gebüsch und Röhricht, zwischen kleinen Teichen und Wassergräben stehen kleine Gruppen verkrüppelter Föhren, und träg schleicht in der Ferne der Fluß durch das Moor.“3

Fast ein wenig unheimlich mutet diese Beschreibung des Moores an – Sumpfland, verkrüppelte Föhren bzw. Kiefern, ein träge schleichender Fluss. Die morastige Landschaft des Moores hat viele Künstler inspiriert, das vielen aus der Schule geläufige Gedicht „Der Knabe im Moor“ von Anette von Droste-Hülshoff zeugt von der schaurig-schönen Faszination, die von Mooren ausgeht:

„Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
Unheimlich nicket die Föhre,
Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
Durch Riesenhalme wie Speere“

(Anette von Droste-Hülshoff: Der Knabe im Moor, 1842)

360 Grad Rundumblicke – Oberbayerische Moorlandschaft III
© Andreas Struck

Viel wurde den Mooren von ihrer Unheimlichkeit, aber auch von ihrer natürlichen Funktion und Faszination genommen, als sie im Laufe der Jahrhunderte immer wieder systematisch entwässert und trockengelegt wurden. Meist geschah dies, um neue land- und forstwirtschaftliche Nutzflächen zu schaffen oder um Torf abzubauen, der im getrockneten Zustand als Brennmaterial zum Heizen verwendet werden konnte. Bis 1958 wurde auch im Leutstettener Moos Torf gestochen und das Moor hierfür entwässert,4 seit 1980 ist es Naturschutzgebiet und unterliegt damit der höchsten Schutzkategorie. Behutsame Erkundungen und Entdeckungen sind aber erlaubt und erwünscht. So gibt es einen 12 km langen Rad- und Wanderweg rund um das Moor, der zu schaurig-schönen Begegnungen mit und in diesem besonderen Naturraum einlädt. Eine Karte mit Routenabbildung stellt die Stadt Starnberg hier zur Verfügung.

1 Eintrag „Mohr“ in: J.G. Krünitz: Oeconomische Encyclopädie oder allgemeines System der Land-, Haus- und Staats-Wirthschaft: in alphabetischer Ordnung. Berlin 1773-1858, unter: www.kruenitz1.uni-trier.de (13.04.20)

2 Vgl. hierzu: https://www.lk-starnberg.de/media/custom/613_21643_1.PDF?1396924254 (13.04.20)

3 G.A.Horst: Der Starnberger See. Eine Wanderung durch seine Uferorte, München 1876, Seite 15.

4 Gerhard Ongyerth: Kulturlandschaft Würmtal, Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege 1995, Seite 111.

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