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Alpenflüsse in Not: Zwei Drittel der Österreichischen Flüsse bereits naturfern oder zerstört

Österreich wird um seinen Wasserreichtum beneidet. Zufluss des Rifflsees, Pitztal, Tirol © A.Sarti/4nature

Österreich wird um seinen Wasserreichtum beneidet.
Zufluss des Rifflsees, Pitztal, Tirol
© A.Sarti/4nature

Österreich besitzt einen Wasserreichtum, für den es von vielen Staaten beneidet wird. Auwälder, Feuchtgebiete und Fließgewässer sind die bedeutendsten Lebensräume für die Biodiversität. Dennoch lässt sich für flussbewohnende Arten – von Fischen über Wasservögel, Schmetterlinge, Insekten bis hin zur wasserbezogenen Flora – ein deutlicher und anhaltender Schwund an natürlicher Vielfalt nachweisen. Zunehmend können die Flüsse ihre vielfältigen Aufgaben nicht mehr erfüllen. Wenngleich der größte Teil unserer Gewässer sauber ist, so fließen sie jedoch zerstückelt, abgeleitet, monoton und eingeengt, oft in kanalisierten und stark verbauten oder gestauten Gewässerrinnen. Intakte, dynamische Flüsse und Bäche werden immer seltener – in Österreich ist nur noch ein Drittel von insgesamt 32.000 Flusskilometern natürlich oder naturnah geblieben.

Mit dem Verlust ihrer Natürlichkeit sinkt die Widerstandskraft der Gewässer gegen Umweltstress. Gleichzeitig nehmen extreme Wetterereignisse zu. Besonders in der Alpenregion mit einer Klimaerwärmung deutlich über dem globalen Durchschnitt, sollte daher die Erhaltung intakter Flüsse ebenso wie die Sanierung langzeitgeschädigter Flüsse höchste Priorität haben.

Wertvolle Naturressourcen sind als Lebensgrundlage von Mensch und Natur unverzichtbar, das muss auch bei den Bemühungen um Ausstieg aus fossiler Energie eingeplant werden. Unter dem Deckmantel des Klimaschutzes und vielfach ohne Rücksicht auf die Flussnatur, wollen die österreichische E-Wirtschaft und Privatunternehmer dennoch hunderte neue Wasserkraftwerke errichten. Über die Hälfte davon liegt in oder betrifft sensible Flussstrecken oder Schutzgebiete.

Der Platzerbach wäre unmittelbar von der Erweiterung des Kraftwerks Kaunertal betroffen. © Christoph Praxmarer

Der Platzerbach wäre unmittelbar von der Erweiterung des Kraftwerks Kaunertal betroffen.
© Christoph Praxmarer

Ungeachtet des Preisverfalls auf dem europäischen Strommarkt, hält das Bundesland Tirol am Wasserkraftkurs fest. So will etwa die TIWAG, die Tiroler Wasserkraft AG, eine 100%-Tochter des Landes, für die Erweiterung des Kraftwerks Kaunertal die Wildwasser der Venter und Gurgler Ache in Stollen zwängen und über zwei Täler umleiten und das nahezu unberührte und ökologisch wertvolle Platzertal überstauen. 70 Kilometer lange Tunnel sollen die natürliche Landschaft durchschneiden, „im Weg stehende“ Schutzgebiete ausgehöhlt oder deren Schutz gesetzlich abgeschwächt werden. In der Steiermark soll wiederum ein Kleinkraftwerk, das nur etwa die Leistung eines Windrades erbringt in einem streng geschützten Flussgebiet errichtet werden.

Um dem Wettlauf um die Nutzung der letzten ökologisch intakten Gewässer einen Riegel vorzuschieben, benötigt es wirkungsvolle gesetzliche Regelungen. Nach Einschätzung des WWF reichen die bislang aufgelegten beziehungsweise verabschiedeten Kriterienkataloge und Leitlinien nicht aus, um die letzten unverbauten Gewässer zu schützen. Die steigende Zahl aktiver Menschen und Initiativen für den Flussschutz zeigt, dass es ein gesellschaftliches Bedürfnis ist, sorgsam mit dem Allgemeingut Wasser umzugehen.

Auch die Landschaft an der Ötztaler Ache würde sich mit dem Ausbau des Kraftwerks Kaunertal stark verändern. © Anton Vorauer

Auch die Landschaft an der Ötztaler Ache würde sich mit dem Ausbau des Kraftwerks Kaunertal stark verändern.
© Anton Vorauer

Der WWF hat in den letzten Jahren mit seinen „Ökomasterplänen“ erstmals Leitlinien für die Schutzwürdigkeit der Österreichischen Fließgewässer vorgelegt. 2016 wurde in einem weiteren Schritt auf Basis der Energiebilanzen der Bundesländer ein Szenario einer naturverträglichen Energiewende bis 2050 errechnet. Dabei wurde die Vereinbarkeit von Energiewende und Gewässerschutz der aktuellen Energiepolitik gegenübergestellt.

Die gute Nachricht: Mit einigen Anpassungen bei den Plänen zur Erschließung erneuerbarer Energien können die allgemein anerkannten und vom WWF mitgetragenen Ziele der Energiewende erreicht werden – also der Umstieg von fossilen Energieträgern und der Bereitstellung der notwendigen Energie zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energieträgern. Und das ohne die letzten intakten Flussgebiete, Bergseen und Schluchten zu zerstören.  Für das Erreichen dieser Trendwende in der Energieversorgung sind ohnehin nicht die Nutzung der letzten möglichen Wasserkraftreserven entscheiden, sondern die massive Reduktion unseres Energieverbrauches. Rund die Hälfte müssen wir einsparen und/oder effizienter nutzen, dann kann die Energiewende gelingen. Dabei soll und kann die Wasserkraft noch in einem bescheidenen Ausmaß mithelfen, naturverträglich und mit Augenmaß.

Panda WWF

http://www.wwf.at/de/

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