Wir vergaßen der Sorgen des Lebens und fühlten uns im Genuße reinen Vergnügens beglückt und selig.

1815, Eine Reise zum Starnberger See.

„Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen“ (Matthias Claudius: „Urians Reise um die Welt“) ­– Reisen früher und heute.

Reisen – das ist momentan nur sehr eingeschränkt möglich. Für gewöhnlich können wir unsere Reiseziele jedoch nahezu vollständig frei bestimmen und Reisewege und Transportmittel beliebig wählen. Das Flugzeug bringt uns innerhalb weniger Stunden in weit entfernte Teile der Welt und oft ist es billiger, das Flugzeug zu besteigen, als mit dem Zug zu fahren. Das schnelle und bequeme Reisen von einem Ort zu einem anderen ist für uns zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Wie aber war das in früheren Zeiten, wie reiste man vor mehreren hundert Jahren? Was verstand man überhaupt unter dem Begriff Reise und was können wir aus Quellen über das Reise-Erleben der Menschen erfahren?



Anton Mirou –Pilger im Wald (Neue Pinakothek München)

Im Deutschen Wörterbuch von Jakob und Wilhelm Grimm aus dem 19. Jahrhundert findet sich unter dem Begriff Reise der Eintrag: „ahd. [althochdeutsch] reisa, mhd. [mittelhochdeutsch] reise […] die grundbedeutung ist die einer bewegung aufwärts, also ‚erhebung, aufbruch‘; dann im engeren sinne ‚aufbruch zum kriege‘.“1 Zu reisen bedeutete im Mittelalter also zunächst, von einem Ort aufzubrechen, um in einen Krieg zu ziehen und an einem kriegerischen Feldzug teilzunehmen. Aber auch damals schon waren Kriege nicht der einzige Reiseanlass. Kaufleute reisten aus wirtschaftlichen Motiven, Herrschende, um ihre Herrschaftsangelegenheiten zu erledigen, Pilger aus religiösen Gründen und manche, um sich zu bilden oder auch, um vor Gefahren zu flüchten. Man kannte Pferd und Esel, Wagen, Schiffe oder Flöße als Transportmittel. Die meisten Menschen aber reisten zu Fuß. Mit durchschnittlich 3,6 km in der Stunde und zwischen 20-40 km am Tag konnten so in einer Woche – Ruhezeiten, witterungsbedingte und andere Hindernisse eingerechnet – etwa 100 km bewältigt werden. Gereist wurde bevorzugt in den Sommermonaten, denn in den Herbst- und Wintermonaten waren die Wege mitunter nur schwer passierbar.2

Erfahrungen und Erlebnisse hielten einzelne Reisende in Reiseberichten fest, überliefert sind sie seit dem 14. Jahrhundert, behandelten im Spätmittelalter aber noch ausschließlich Fernreisen, allen voran berichteten sie von Pilgerreisen nach Jerusalem. Das änderte sich mit dem Übergang zur Frühen Neuzeit, als im Zuge des Humanismus und einer sich ändernden Wahrnehmung von Mensch und Umwelt im 16. Jahrhundert Bildungsreisen und Landbeschreibungen bedeutsam wurden.3

Zahlreiche historische Reiseberichte mit Natur- und Landschaftsschilderungen finden sich für Südbayern und die Voralpenregion mit ihren vielen Flüssen und Seen. Viele dieser Werke beinhalten praktische Hinweise, Vorschläge und Empfehlungen für Leserinnen und Leser und ermuntern dazu, selbst aufzubrechen und auf Entdeckungsreise zu gehen. Der Reiseschriftsteller Joseph von Obernberg etwa schrieb über den Sinn und Nutzen seiner „Reisen durch das Königreich Baiern“ im Jahr 1815 : „Auf diese Art [sein Reisebuch, A.d.V.] erhält der Leser, was ihm besonders auf Reisen angenehm sein wird, aus lebendiger Anschauung hervorgegangene Notizen über das Land, seine Bewohner und ihre Geschichte“4. Im Vorwort schrieb er über das Reisen selbst: „Groß und edel ist das Vergnügen, welches Reisen gewähren, vielseitig ihr Nutzen. Der Anblick des blauen Himmels und der belebten Natur ermuntert die Seele, erweitert das Herz. Die Mannigfaltigkeit der Gegenstände, die Ansicht des Landes und seiner Bewohner unterhält die aufmerksamen Reisenden eben so nützlich als angenehm. Eine glückliche Zerstreuung gibt dem Geiste neue Kraft und Nahrung, und die Fröhlichkeit des Gemüths reget den Willen auf zu großen und nachhaltigen Entschlüssen.“5

Hier geht es um ein Reisen, das den Weg zum Ziel erhebt. Es geht um Zeit und Aufmerksamkeit und um all die Dinge, die unterwegs zu beobachten und wahrzunehmen sind. Für den Starnberger See etwa hielt von Obernberg dann auch sehr feine Beobachtungen fest:

„Der Würmsee [Starnberger See, A.d.V.] hat eine ihm ganz eigene vorteilhafte Gestalt. Viel länger als breit, erscheint er in schlanker Figur. Sanft wendet er sich oben gegen Südost, rundet sich dort gefällig ab, bieget hier in schönen Wellen-Linien aus und größtenteils sachte steigen seine Ufer an. Im entfernten Hintergrunde erhebt sich das mächtige Alpengebirge, als wollte es den Himmel tragen, an und über die Wolken. – So behauptet dieses große Wasserbecken den entschiedensten Vorzug als der freundlichste unter den baierischen Seen. Verschiedene Stellen zogen uns an. Wir machten Halt, überblickten […] große Abschnitte der See – sahen einfache Fischer-Kähne und zierliche Gondeln unter uns hinweg und vorüber gleiten, vergaßen der Sorgen des Lebens und fühlten uns im Genuße reinen Vergnügens beglückt und selig.“6

Deutlich wird, wie kostbar dem Autor der „Reisen durch das Königreich Baiern“ die Natur- und Landschaftserfahrungen waren, die das Reisen in dieser Region mit sich brachte und bei denen Herz, Geist und Seele neue Kraft schöpfen konnten. Vielleicht können auch wir heutigen Leser uns von diesen Worten inspirieren lassen und alte Formen eines langsameren, naturnahen Reisens wieder neu entdecken.

Quellen und Literatur:

1Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhem Grimm, Eintrag „Reise“ unter: http://woerterbuchnetz.de/cgi-bin/WBNetz/wbgui_py?sigle=DWB&mode=Vernetzung&lemid=GR03888#XGR03888 (25.03.2020)

2Vgl. hierzu: Historisches Lexikon Bayerns, Artikel „Reisen“, unter: https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Reisen_(Mittelalter) (25.03.2020)

3 Vgl. Historisches Lexikon Bayern, Artikel „Reiseberichte“ unter: https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Reiseberichte_(Sp%C3%A4tmittelalter) (25.03.2020)

4 Joseph von Obernberg: Reisen durch das Königreich Baiern, München 1815, Seite VI.

5 Joseph von Obernberg: Reisen durch das Königreich Baiern, München 1815, Seite III.

6 Joseph von Obernberg: Reisen durch das Königreich Baiern, München 1815, Seite 3f. Unter:

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